Mörike verkörperte für mich von jeher das Ideal schwäbischer Biederkeit, aber von der negativen Seite her, und ich habe seine Gedichte schon zur Schulzeit zu den überflüssigeren gerechnet. In Gesamtansicht dieses Bandes lässt sich mein Eindruck leider nicht widerlegen.
Mörikes Werk ist ja wohl lange auch von der Kritik als Biedermeier rezipiert worden, bis irgendwann jemand auf die Idee kam, in Mörikes "radikaler Weltabgewandtheit" einen innovativen Ansatz zu finden. Ich halte das für baren Unsinn. Die Exzesse der Belanglosigkeit und Betulichkeit, die kennzeichnend für Mörikes Gedichte sind, ragen selbst im 19. Jahrhundert heraus.
Mörike hat ja an seinem Brotberuf Pfarrer scheinbar ziemlich gelitten und war, was sein Gedankengut angeht, sogar vergleichsweise modern, was ihn als Mensch sympathisch macht. Ganz im Gegensatz dazu muten seine Gedichte in ihrer schrulligen Bravheit gelegentlich wie Hervorbringungen des Absolutismus an und fallen quasi aus der Zeit. Nur dass dies leider nicht positiv zu verstehen ist.
Auch die gewöhnlich handwerklich solide Ausfertigung kann darüber nicht hinwegtäuschen wie ein paar kleinere Perlen, die sich auch in Mörikes Werk finden (Nimmersatte Liebe, Verlassenes Mägdlein). Selbst die besseren Gedichte wirken aber immer noch wie mit angezogener geistiger Handbremse geschrieben, als hätte der Dichter sich nicht aus seinem inneren sprachlichen Korsett lösen können.
Mörikes Gedichte sind dominiert von der Art Versen, wie sie heute alte Jungfern in Lyrikseminaren der Volkshochschulkursen hervorbringen.
"Eia lala", so der Refrain Mörikes aus einer unvollendeten Oper, könnte getrost für den gesamten Band stehen.