Den Bedarf an kurzweiligen Gedichten decke man besser woanders -- Andreas Gryphius' Lyrik findet man nicht in der Schublade "Heiteres und Weiteres". Seinen Sonetten, Oden und Epigrammen merkt man sofort an, in welcher Zeit sie verfasst wurden und wie die Welt aussah, in der ihr Verfasser lebte (1616-1664) und dachte.
Für den Geselligen Abend sind Gryphius' Gedichte jedenfalls kaum geeignet: In den einen reflektiert er Krieg und Elend, andere sind aufs Kirchenjahr, auf Bibelstellen oder hohe Feiertage bezogen, wieder andere thematisieren eigenes Siechtum, Märtyrertum oder das Letzte Gericht, und die Tageszeiten interpretiert Gryphius in bester Barock-Tradition als Gleichnis für Leben und Tod.
Gryphius lebte in der Welt des Barock, in der man die sicht- und greifbare Welt als ein Gleichnis auffasste, die aufs Jenseits verwies: keine Welt, wie sie noch für die Renaissance charakteristisch war, die für sich selbst stand und die dem Diesseits zu seinem Recht verhalf, sondern eine, in der alles von der Religion durchdrungen war, in der das Diesseits als unwichtiger ("eitler") Vorlauf fürs Jenseits galt.
Außerdem wuchs dieser Dichter während des Dreißigjährigen Krieges auf; dass er zur Überzeugung kam, alles sei eitel, liegt nahe (die Bedeutung von "eitel" war damals in etwa: "vergänglich, dem Untergang geweiht"). Seine nicht zu Unrecht berühmtesten Sonette und Oden beginnen denn auch entsprechend fulminant: "D[u] sihst wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden. / Was diser heute baut reist jener morgen ein" oder "WAs sind wir Menschen doch? Ein Wohnhauß grimmer Schmertzen / Ein Ball des falschen Glücks Ein Irrlicht diser Zeit." Eines der ergreifendsten Gedichte über den Krieg überhaupt, "Thränen des Vaterlandes", breitet in den beiden Quartetten (den beiden ersten Vierzeilern) das menschliche Elend erschreckend deutlich aus: "WIr sind doch nunmehr gantz ja mehr denn gantz verheeret! / Der frechen Völcker Schaar die rasende Posaun" -- so fängt es an, und in den Schlusszeilen verweist es auf das noch unausdenkbarere.
Egal, wo man das Reclam-Heftchen aufschlägt: In Gryphius' Gedichten widerspiegelt sich deutlich die Gedankenwelt des Barock, und doch sollte man diesen Dichter nicht zum dichtenden Zeitzeugen degradieren. Zu geistreich sind seine Werke, zu detailliert durchdacht ist oft schon der Aufbau seiner Sonette, zu klar und zu strukturiert sind die Gedanken.
Dass Gryphius' bekannteste Gedichte Sonette sind, in denen er allerdings im Gegensatz zur üblichen fünfhebigen Form meist (nicht immer!) den sechshebigen Alexandriner verwendet, dürfte kein Zufall sein: Schließlich verlangt diese lyrische Form vom Dichter enorme Disziplin ab. Hier darf man nicht um der plakativen Wirkung willen schludern. Und tatsächlich reizt Gryphius die Möglichkeiten der Formvorgaben aus: In den beiden jeweils abschließenden Terzetten (die beiden jeweils dreizeiligen Teile) der Sonette steigert er oft das bisher ausgebreitete, oder er interpretiert das Bisherige. Oder er verweist auf das noch grausigere Gegenteil. Aber egal, wie Gryphius jeweils den Schluss gestaltet: Der Überraschungseffekt ist sicher.
Die guten Dichter erkennt man auch daran, dass sie mit der Form umzugehen wissen, dass sie sich nicht sklavisch ans Schema halten, sondern deren Meister sind. Was das betrifft: Gryphius' Sonette leiern nicht, obwohl die Gefahr beim Alexandriner-Sonett recht groß ist.
Neben der Formenbeherrschung bestechen die Bilder, die Gryphius mit der Sprache malt, auch noch heutige Leser: Passagen wie z.B. "DEr schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn" oder "AUff Todten! auff! die Welt verkracht in letztem Brande! / Der Sternen Heer vergeht! der Mond ist dunckel-rott" sind einfach zeitlos gut, spechen heutige Leser ebenso an wie die Zeitgenossen.
Was für die Sonette gilt, gilt sinngemäß auch für die in dieser Ausgabe enthaltenen Oden und Epigramme: Gryphius beherrscht die Formen, wird nicht von ihnen beherrscht.
Im Gegensatz zu Adalbert Elschenbroichs bereits umfangreicher früherer Ausgabe von Gryphius' Gedichten umfasst diese nun, herausgegeben von Thomas Borgstedt, die beiden ersten Bücher der Sonette und die Sonette aus dem Nachlass vollständig; dazu kommt -- wie bereits bei Elschenbroich -- eine umfangreiche Auswahl aus den "Sonn- und Feiertagssonetten", den Oden, Epigrammen, und den "Kirchhofs-Gedanken". Grundlage sind jeweils die Ausgaben nach letzter Hand von 1663 bzw. 1698 (Nachlass).
Wie bereits die frühere Reclam-Ausgabe, herausgegeben von Elschenbroich, entspricht auch diese noch umfangreichere Neuausgabe den hohen "Reclam"-Standards: Die Schreibweise der Gedichte folgt den Texten aus der Ausgabe letzter Hand von 1663; nur in begründeten Ausnahmefällen wurde die Schreibung modifiziert (Näheres siehe in der "Editorischen Notiz"). Gediegen sind auch, wie nicht anders zu erwarten, die diversen bibliographischen Anhänge. Im Gegensatz zur früheren Ausgabe gibt's hier im Anhang noch umfangreiche Anmerkungen. Man braucht sie zwar nicht unbedingt, aber mit ihner Hilfe versteht man eben noch mehr, frei nach dem Sprichwort "Man sieht nur, was man weiß".
Lesenswert und sehr zu empfehlen ist auch das ausführliche Nachwort des Herausgebers: Es ist informativ und gespickt insbesondere mit historischem und biographischem Hintergrund, ohne dass darunter der Stil leiden würde -- seine Lektüre lohnt sich auch für interessierte Laien.
Wer die frühere Ausgabe bereits hat, braucht die Neuausgabe wahrscheinlich nicht. Wer allerdings an eine Neuanschaffung denkt, der dürfte mit der Neuausgabe noch besser bedient sein -- nicht nur wegen der beiden vollständigen Sonetten-Bücher, sondern auch wegen der umfangreichen Anmerkungen.