Albrecht Goes (1908-2000), der Lyriker, Erzähler und Essayist, sollte nicht vergessen werden. Meine erste Begegnung mit ihm war seine Erzählung "Unruhige Nacht", die ich in einem Zuge gelesen, ja: verschlungen habe. Nach und nach kamen andere seiner Bücher dazu, so etwa "Tagwerk" oder "Ein Winter mit Paul Gerhardt". Dankbar bin ich, dass der S. Fischer Verlag aus Anlass des 100. Geburtstags von Albrecht Goes eine von ihm selbst erstellte Auswahl seiner Gedichte neu herausgegeben hat, ein schönes kleines Bändchen, in blaues Leinen gebunden und mit Lesebändchen versehen - Blau: die Farbe, die Goes immer mit dem von ihm so geliebten Mozart verbunden hat.
Man wünscht diesen Gedichten - und nicht nur ihnen! - noch viele Leser. Aber leider steigern Gedichtbände ja keine Verkaufszahlen, was in unserer Zeit anscheinend das wichtigste Kriterium ist. Heute ist das Laute und Grelle gefragt. Provokation kommt an. Mit dem kann Goes nicht dienen. Sein Wort ist das leise, das Wesen der Dinge ertastende, das lang geprüfte und dann schließlich veröffentlichte Wort. Es sind Worte, die auch vom Leser lange gekaut werden müssen, "bis ihre Süße sich löste, / spät", wie Oliver Köhler es in seinem Gedicht "Alphabet bei Nacht", veröffentlicht in einer Festschrift für Albrecht Goes zum 85. Geburtstag, formulierte ("Aller Worte verschwiegenes Rot: Albrecht Goes zu Ehren", 1993). Goes' Gedichte müssen wieder und wieder gelesen werden, genauso, wie er es in "Eine Auskunft, Goethe betreffend" einem jungen Abiturienten um das Jahr 1950 geraten hatte, der ihn um Hilfe angeschrieben hatte angesichts der "Not", sich wegen des anstehenden Abiturs mit Goethe beschäftigen zu müssen, ohne dass ihn etwas aus dessen Werk unmittelbar angerührt habe.
Wieder und wieder lesen... Das kleine Bändchen eignet sich vorzüglich dazu. Und nach und nach wird es einem gehen, wie es vielen berühmten Persönlichkeiten unserer Zeit gegangen ist, einem Richard von Weizsäcker oder einem Josef Pieper, einer Ulla Hahn, einer Hilde Domin oder einem Reiner Kunze, einem Eberhard Jüngel oder einem Gert Ueding, um nur ein paar wenige Namen zu nennen: Goes' Gedichte werden zu einem Teil von uns, erschließen uns die Welt, helfen uns, durch das nur Oberflächliche durchzudringen: "Wo Wort ins Wesen trifft..."
Welche Gedichte von Albrecht Goes sollte man unbedingt kennen? Eine Auswahl fällt mir schwer, sie ist subjektiv und wird in ein paar Jahren vielleicht wieder ganz anders aussehen. Nennen möchte ich folgende: "Die Schritte", ein Gedicht, das uns das Leben als Gabe erschließen kann; "Die unablösbare Kette", Verse, die für mich auf gleicher Höhe mit Paul Celans "Todesfuge" stehen; "Grabschrift", jenes Bannwort wider den Tod, das ihn ins Leben hinein spiegelt und entmachtet; "Die Apfelschälerin", von Goes in seinem Essayband "Dichter und Gedicht" eindrücklich gedeutet; "Lichtschatten du", vielleicht mein Lieblingsgedicht über "des Daseins / Unwiderrufliche Gestalt"; "Einem, der davonging, nachgerufen", das uns ein Licht im Dunkel aufleuchten lassen will; "Sieben Leben", das uns die Fülle des Daseins empfinden - und erleiden - lässt; "Davids Traum", Zeugnis der Freundschaft mit Martin Buber und seines tiefen Verständnis des Judentums; und schließlich "Karwoche 1946", "Versöhnung deutend als der Worte Wort".
In einer Zeit der Informationsflut, der Entleerung der Wörter und ihres propagandistischen Missbrauchs, kann uns Albrecht Goes lehren, was Worte wirklich sein können: "... Wenn das Wort ein Wein ist, schwer und stark, - dergleichen wird nicht oft auf Erden kredenzt. Aber er wartet auf Sie." (Albrecht Goes, in: Eine Auskunft, Goethe betreffend)