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Unsterbliche Gedichte über Vergänglichkeit und Sterblichkeit, 7. September 2007
Den Bedarf an kurzweiliger Lyrik decke man besser woanders -- Andreas Gryphius' Lyrik findet man schließlich nicht in der Schublade "Heiteres und Weiteres". Seinen Sonetten, Oden und Epigrammen merkt man sofort an, in welcher Zeit sie verfasst wurden und wie die Welt aussah, in der ihr Verfasser lebte (1616-1664) und dachte.
Die Inhalte von Gryphius' Gedichten sind nicht der leichten Muse zuzuordnen: In den einen reflektiert er Krieg und Elend, andere sind aufs Kirchenjahr, auf Bibelstellen oder hohe Feiertage bezogen, wieder andere thematisieren eigenes Siechtum, Märtyrertum oder das Letzte Gericht, oder auch die Tageszeiten, die Gryphius in bester Barock-Tradition als Gleichnis über Leben und Tod interpretiert.
Es war die Welt des Barock, in der man die sicht- und greifbare Welt als ein Gleichnis auffasste, die aufs Jenseits verwies -- keine Welt, wie es noch für die Renaissance charakteristisch war, die für sich selbst stand und die dem Diesseits zu seinem Recht verhalf, sondern eine, in der alles von der Religion durchdrungen war, in der das Diesseits als unwichtiger ("eitler") Vorlauf fürs Jenseits galt.
Außerdem wuchs Gryphius während des Dreißigjährigen Krieges auf; dass er zur Überzeugung kam, alles sei eitel, liegt nahe (die Bedeutung von "eitel" war damals in etwa: "vergänglich, dem Untergang geweiht"). Seine nicht zu Unrecht berühmtesten Sonette und Oden beginnen denn auch entsprechend fulminant: "Du sihst wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden. / Was diser heute baut reist jener morgen ein" (in "Es ist alles Eitel") oder "Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhauß grimmer Schmertzen / Ein Ball des falschen Glücks Ein Irrlicht diser Zeit." (in "Menschliches Elende"). Eines der ergreifendsten Gedichte über den Krieg überhaupt, "Thränen des Vaterlandes", breitet in den beiden Quartetten (den beiden ersten Vierzeilern) das menschliche Elend erschreckend deutlich aus: "Wir sind doch nunmehr gantz ja mehr denn gantz verheeret! / Der frechen Völcker Schaar die rasende Posaun" -- und verweist in den Schlusszeilen auf das noch unausdenkbarere.
In Gryphius' Gedichten widerspiegelt sich dementsprechend deutlich die Gedankenwelt des Barock, und doch sollte man diesen Dichter nicht zum dichtenden Zeitzeugen degradieren: Zu geistreich sind seine Werke, zu detailliert durchdacht ist oft schon der Aufbau seiner Sonette, zu klar und zu strukturiert sind die Gedanken.
Dass Gryphius' bekannteste Gedichte Sonette sind, in denen er allerdings im Gegensatz zur üblichen fünfhebigen Form meist den sechshebigen Alexandriner verwendet, sollte zu denken geben: Schließlich verlangt diese lyrische Form vom Dichter enorme Disziplin ab. Hier darf man nicht um der plakativen Wirkung willen schludern. Und tatsächlich reizt Gryphius die Möglichkeiten der Formvorgaben aus: In den beiden jeweils abschließenden Terzetten (die beiden jeweils dreizeiligen Teile) der Sonette steigert er oft das bisher ausgebreitete, oder er interpretiert das Bisherige. Oder er verweist auf das noch grausigere Gegenteil. Aber egal, wie Gryphius jeweils den Schluss gestaltet: Der Überraschungseffekt ist sicher.
Gryphius' Sonette leiern nicht, obwohl die Gefahr beim Alexandriner-Sonett recht groß ist. Gute Dichter erkennt man auch daran, dass sie mit der Form umzugehen wissen, dass sie sich nicht sklavisch ans Schema halten, sondern deren Meister sind.
Neben der Formenbeherrschung bestechen die Bilder, die Gryphius mit der Sprache malt, auch noch heutige Leser: Passagen wie z.B. "Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn" oder "Auff Todten! auff! die Welt verkracht in letztem Brande! / Der Sternen Heer vergeht! der Mond ist dunckel-rott" sind einfach zeitlos gut, spechen heutige Leser ebenso an wie die Zeitgenossen.
Was für die Sonette gilt, gilt sinngemäß auch für die in dieser Reclam-Ausgabe enthaltenen Oden und Epigramme: Gryphius beherrscht die Formen, wird nicht von ihnen beherrscht.
Die von Adalbert Elschenbroich herausgegebene Auswahl aus Gryphius' Lyrik entspricht den hohen "Reclam"-Standards: Die Schreibweise der Gedichte folgt den Texten aus der Ausgabe letzter Hand von 1663; nur in begründeten Ausnahmefällen wurde die Schreibung modifiziert. Gediegen sind auch, wie nicht anders zu erwarten, die diversen bibliographischen Anhänge.
Lesenswert und sehr zu empfehlen ist aber vor allem auch das ausführliche Nachwort des Herausgebers: Informativ und gespickt mit Hintergrundwissen zu alle möglichen Aspekten ist es, und außerdem auch noch gut geschrieben, sodass es sich auch für interessierte Laien sehr empfiehlt.
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Deutsche Lyrik nach 1950!, 1. August 2002
Rezension bezieht sich auf: Gedichte 1950-1995 (Taschenbuch)
In diesem Buch wurden (zum ersten Mal) zahlreiche der großartigsten Stücke deutscher Nachkriegslyrik von Hans-Magnus Enzensberger zusammengefasst. Jedes Gedicht strahlt auf's neue eine Faszination auf den Leser ab.
Enzensberger präsentiert sich mal als pointierender Beobachter, mal als dichtender Biograph (von Che Guevara) oder ein anderes Mal einfach nur als ein gebildeter Meister großer Lyrik.
Enzensberger-Gedichte faszinieren bei jedem Mal Lesen neu und verlieren auch nach mehrmaligen Lesen nicht ihren Charme.
Einziger Kritikpunkt an diesem Buch: "Mit ins Lesebuch der Oberstufe" fehlt hier ein wichtiges Gedicht des Autors.
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