Gedanken im Sturm. Ein vortrefflicher Titel für ein in mehrerer Hinsicht besonderes Büchlein. Die erste Frage, vielleicht wichtigste Frage, jedenfalls eine Richtungsweisung stellt sich also schon auf dem Titel: Befinden sich die Gedanken im Sturm, in Aufruhr, oder sind es die Gedanken, die dem Sturm trotzend standhaft bleiben? Der Inhalt des vorliegenden Bandes gibt darauf keine deutliche Antwort, aber vielfältige Hinweise. Nur die Kerze, die am Einband brennt, ist von jedem Sturm unbeeindruckt. Ob diese Flamme aber auch im Innenteil brennen kann, das werden wir im Folgenden betrachten.
Nach dem 11. September 2001 fegte eine Welle an Versuchen, auch literarisch diese Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes zu bewältigen, durch die Literaturszenen. Der Versuch verlor sich schnell in Betroffenheitslyriken, schnell geschustert nach den gleichen Rezepten. Persönliche Anteilnahme oder Belehrendes. Aber alles eingeengt durch das Fehlen größerer Zusammenhänge in den Betrachtungen.
Gedanken im Sturm setzt sich davon mehr als nur wohltuend ab. Ein durchdachtes Konzept, auf verschiedensten Möglichkeiten sich der Thematik anzunähern. Gedichte. Essays. Einige Stücke an Kurzprosa. Alle verschieden und doch in sich ähnlich. Der Laie und der Schreiberling Seite an Seite. Vernunft im Arm von Emotion. Eine Verbundenheit von Menschen entgegengesetzt der Einzelbewältigung. Und in diesem Facettenreichtum, gerade in dieser Detailliertheit mehr aussagend als irgend anders möglich.
Es ist nicht allein der 11. September, dem sich dieses Buch nähert. Es sind die Themen, die sich in diesem Tag treffen. Die diesen Erschaffen und aus diesem Erwachsen. Gedichte über Krieg und den "islamischen Gott". Prosa über passives Zuschauen und die Schleierfahndung.
Gerade diese Texte, die sich nicht dem Kern des 11. Septembers aktiv nähern, die einen abgewandten Blick setzen Abseits der bloßen Katastrophe, nähern sich der Thematik am besten. Einer Thematik, eines Tages, die/den man nicht in einen Aufsatz, ein Problem, eine Lösung pressen kann. Es ist die Vielfältigkeit, die diesen Band auszeichnet, symbolisch eben auch vielfältige Lösungen aufzeigt und dabei ausreichend Platz für eigene Gedanken lässt, diese gerade durch die nicht schnurgerade Argumentation provoziert. Gedankensplitter ohne Anspruch auf Vollständigkeit gleich dem Versuch menschlichen Erfassens dieser Katastrophe, die doch nicht erfasst werden kann.
Wer Lösungen erwartet, wird scheitern. Wer Lösungen sucht, wird den Freiraum für seine eigenen finden.
Natürlich mag man all dies als Kritikpunkt ansehen. Dass eben zu wenig Stellung bezogen wird. Aber Vielfalt bezieht eher Stellung als Einfalt, Kritik wird somit schnell zum findbaren Lob. Natürlich kann man auch anführen, dass der Kern, der 11. September mit seinen Abertausenden von Toten zu kurz kommt. Andererseits sprechen die Bilder in unseren Köpfen jede Sprache deutlicher als es weitere Literatur könnte. Die "Sprachlosigkeit des Geschauten", wie es Dirk Becker in "Leichentuch" auszudrücken vermag.
Und noch etwas lernt der Leser und der Autor: die Reaktionen der abgedruckten Schülermeinungen sind in ihrer schlichten Traurigkeit und Prägnanz viel eher dazu in der Lage als Essay und Brief, diese Bilder in uns zu verworten. Vielfältiger und Ehrlich. Emotional, nicht rational.
Das Buch "Gedanken im Sturm" ist ein Anfang, ein richtiger Ansatz, der meiner Meinung nach zur Vollendung aber auch den Leser fordert. Sei es durch die aktive Mithilfe - Einnahmenteile gehen zugunsten "terre des hommes" und hilfsbedürftigen Kindern in Afghanistan -- dort, wo es genauso Opfer gibt wie in New York. Sei es durch aktives Denken, Meinungen ablehnen oder annehmen. Dieses Buch ist ein erster Schritt, den ich gerne gegangen bin. Hoffen wir, dass ich die weiteren aus diesem Buch heraus gehen werde. Die Herausgeber und Mitwirkenden haben das Ihre getan, damit ich es zumindest versuche.
Michael Langhans,
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