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Kein Politiker aus der Zeit des deutschen Kaiserreiches ist den Menschen bis heute so in Erinnerung geblieben wie Otto von Bismarck, seines Zeichens erster Reichskanzler von 1871 bis 1890. Er war eine zentrale Figur seiner Epoche und sein Politikverständnis hat viele Weichen für die Zukunft gestellt.
Die vorliegende Neuauflage seiner selbstverfassten Lebenserinnerungen erlaubt Einblicke in Persönlichkeit und Wertvorstellungen dieses Mannes. Bismarck schildert die Ereignisse während seines politischen Engagements für Preußen, den Norddeutschen Bund und ein geeinigtes deutsches Kaiserreich. So sehr Bismarcks Außenpolitik von der fortschrittlichen Idee eines stabilen Miteinander der europäischen Staaten geprägt war -- dieser Vorstellung wurde er durch die Einbindung Deutschlands in ein umfassendes Bündnissystem gerecht --, so sehr verharrte er innenpolitisch auf dem Althergebrachten und unterstützte hartnäckig die Monarchie. Für ihn war Deutschland ohne Kaiser nicht vorstellbar und entsprechend hart -- etwa mit dem Sozialistengesetz -- ging er gegen alle diejenigen Kräfte vor, die seiner Meinung nach das Kaiserreich gefährdeten. Vor diesem Hintergrund verblaßte seine Leistung, ab 1883 eine Sozialversicherung moderner Prägung eingeführt zu haben -- und das obwohl Bismarcks damalige Ideen einer Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung bis heute Bestand haben.
Man darf bei diesem Buch nicht den Fehler machen und hier ein "neutrales" Geschichtsbuch erwarten. Die Darstellung der Ereignisse ist geprägt von der Sichtweise Bismarcks, aber hierin liegt gerade der Reiz dieses Bandes. Man kann mit seiner Hilfe eintauchen in die damalige Zeit und die Gedankengänge eines bedeutenden Staatsmannes sozusagen aus erster Hand erfahren. Und man hält auch einen echten Meilenstein der politischen Memoiren in Händen. --Joachim Hohwieler
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Rezension
Copyright: Aus
Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Gedanken und Erinnerungen
OA 1898 (2 Bde.) Form Memoiren Bereich Geschichte
Die Memoiren Otto von Bismarcks vermitteln nicht nur einen subjektiv gefärbten Einblick in Leben und Wirken des Staatsmanns, sondern zeugen auch von der großen Sprachkraft des Autors.
Entstehung: Das Werk entstand in den ersten Jahren nach seiner Entlassung (1890) unter Mitarbeit des langjährigen WegbegleitersLothar Bucher. Er sammelte das Material, das Bismarck dann in Gedanken und Erinnerungen verwertete, und hielt ihn immer wieder dazu an, seine Memoiren zu diktieren. Die bisweilen fehlende Motivation des ehemaligen Reichskanzlers äußerte sich darin, dass er jegliche Systematik vermissen ließ und teilweise sehr sprunghaft vorging. Bismarck schloss die Arbeit an dem Mammutwerk 1892 ab; die endgültige Ausgabe verzögerte sich bis in sein Todesjahr.
Inhalt: Bismarcks Gedanken und Erinnerungen geben keine geschlossene Darstellung der Zeit bis 1890. Vielmehr befasst sich der Autor über die Schilderung seiner Tätigkeit hinaus mit einzelnen politischen Fragen, die ihn zeitlebens beschäftigten, z. B. die Stellung der Krone im preußischen Verfassungsstreit, die Etablierung des Deutschen Reichs und die Erhaltung des europäischen Gleichgewichts. Das Alterswerk fasst die Prinzipien zusammen, nach denen Bismarck seine staatsmännische Strategie ausrichtete, und offenbart die Tendenz, rückblickend auch in die früheren Jahrzehnte seines Handelns das 1871 Erreichte hineinzudeuten. Besonders eindrucksvoll ist die Charakteristik von Personen und Situationen mit farbenprächtigen Metaphern, scheinbar absichtslosen Pointierungen und boshaften Doppeldeutigkeiten, die Bismarcks Gedanken und Erinnerungen bisweilen zur amüsanten Lektüre werden lassen.
Wirkung: Als das Buch kurz nach Bismarcks Tod erschien, wurde es von Zeitgenossen als Versuch des ehemaligen Reichskanzlers gedeutet, mit den darin formulierten Maximen die Politik seiner Nachfolger zu beeinflussen. Diese Interpretation fußte auf der Tatsache, dass damals das Deutsche Reich einen neuen politischen Kurs eingeschlagen hatte, der zur Zerstörung von Bismarcks außenpolitischem Werk führte. Wenngleich das Werk nur höchst eingeschränkt Zugang zu einem historisch gerechten Urteil eröffnet, erlangte es mit der Zeit in der politischen Memoirenliteratur einen besonderen Rang, der sich vor allem aus seiner sprachlichen Brillanz erklärt. N. H.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.