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Gedanken über das Schreiben: Heidelberger Poetikvorlesungen
 
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Gedanken über das Schreiben: Heidelberger Poetikvorlesungen [Gebundene Ausgabe]

Bernhard Schlink
4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
  • Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (24. Mai 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257067836
  • ISBN-13: 978-3257067835
  • Größe und/oder Gewicht: 18,4 x 12,2 x 1,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 274.971 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

In seinen Heidelberger Poetikvorlesungen (Mai/Juni 2010) denkt der Autor Bernhard Schlink darüber nach, was ihn beim Schreiben bewegt und welche Maximen für ihn dabei Gültigkeit haben.

Über den Autor

Bernhard Schlink, geboren 1944 in Bielefeld, aufgewachsen in Heidelberg. Jurastudium dort und in Berlin, danach wissenschaftlicher Assistent. Erste Professur für VerfR und VerwR in Bonn, dann in Frankfurt. 1988 Richter des VerfGH für das Land NRW. Nach der Wende 1989 in Berlin tätig. Heute Professor für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität in Berlin und Richter am LVerfGH in Münster. Zunächst Fachbuch-, dann Romanveröffentlichungen. Auszeichnungen: 1989 Glauser Autorenpreis für deutschsprachige Kriminalliteratur ("Die gordische Schleife"), 1992 Deutscher Krimi-Preis ("Selbs Betrug"), 1997 Hans-Fallada-Preis der Stadt Münster, Italiens 'Grinzane Cavour' und Prix Laure Bataillon ("Der Vorleser"). 1999 erstmals den "Welt"-Literaturpreis, im Februar 2000 die Ehrengabe der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Gesellschaft.

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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von H. P. Roentgen TOP 500 REZENSENT
Poetik Vorlesungen gibt es mittlerweile viele, und viele erscheinen anschließend in Buchform. Nicht alle diese Bücher bereichern unser Wissen über die Poetik, oft genug nutzen die Autoren die Gelegenheit, die eigene Belesenheit stolz vorzuführen. Oder ein großes Gedankengebäude zu errichten, was denn Poetik und Schreiben eigentlich sei.

Schlink tut weder das eine noch das andere. Stattdessen hat er drei Essays verfasst über drei Themen, die ihm wichtig sind. Nüchtern, ohne falsches Brimborium schildert er seine Erfahrungen als Autor mit "Über die Vergangenheit schreiben", "Liebe" und "Heimat".

Der erste Essay ist etwas irreführend überschrieben, denn es geht nicht eigentlich um Vergangenheit, sondern um Wahrhaftigkeit in der Literatur. Aber was heißt "wahrhaftig"? Oft wird verlangt, dass Geschichten "typisch" sein müssten: der SSler, der ein Monster ist, weil er monsterhafte Taten begeht. Ihn menschlich erscheinen zu lassen, verharmlost das dritte Reich, beleidigt die Tausende, die er ermordet hat?

Aber betrügen wir uns nicht damit selbst, wird die Literatur nicht genau dann unwahrhaftig? Wenn wir nur das Typische, das Erwartete beschreiben? Schlink verstehe den Wunsch nach einer Welt, in der die, die monströse Verbrechen begehen, Monster sind. Das ist das, was wir Leser erwarten, uns erhoffen. Wir wollen die Nazis nicht vermenschlichen.

Schlink sieht aber auch die Gefahr. Den typischen Bösewicht zu schaffen, ist so vereinfachend und irreführend wie die Schaffung jedes anderen Stereotyps. Schlink gehört zu der Generation, die wieder und wieder erlebt hat, dass jemand, den sie respektiert und gemocht hatten, an den Furchtbarkeiten des Dritten Reichs beteiligt war und er erzählt von dem Lehrer, dem er die frühe Liebe zur englischen Sprache verdankt, vom Professor, der ihm die Welt des Rechts mit ihrer Philosophie, Geschichte und Soziologie erschloss. Bei beiden kam später, sehr spät, heraus, dass sie dick am Dritten Reich beteiligt waren.

Geschichten zeigen das Besondere, nicht unbedingt das Typische. Sie sind keine Sachbücher, keine Dokumentarfilme.

Auch der zweite Teil über die Liebe behandelt wieder das Typische, das, was Leser erwarten. Sie schreiben über die Liebe, aber die Liebe in dem Buch ist keine normale Liebe, sagen ihm Leser. Können sie nicht über normale Liebe schreiben? Und Liebe ist nur dann Liebe, wenn sie glücklich ist oder endet. Was schrecklich endet, kann keine Liebe sein.

Aber Schlink liebt seine Figuren, Hanna Schmitz und Ferdinand Korten, die Leben, Liebe und Moral nicht zusammenbringen. Er würde, wenn er über ihn schriebe, auch den Priester lieben, der den Ministranten liebt und missbraucht. Die Liebe ist nichts, das nicht im Monströsen enden kann.

Schlink kann nicht schreiben, was die Leser gerne lesen, was sie nachdenklich und glücklich macht, sagt er. Er kann nur schreiben, was er schreiben kann. Offenbar reicht das aber, dass Leser es lesen wollen.

Oft werden ihm Orte zur Heimat, weil er über sie geschrieben hat, weil sie so mit Gefühlen verbunden wurden. Gleichzeitig ist ihm Heidelberg Heimat, der Ort, in dem er aufwuchs, der so oft in seinen Geschichten vorkommt. Auch das Haus seiner Großeltern in der Schweiz wurde ihm zur Heimat. Und wenn er heute an die Orte kommt, mit denen er heimatlich verbunden ist, sehen diese so ganz anders aus, dass sie keine Heimat mehr sind. Was ist überhaupt Heimat, was hat das Schreiben damit zu tun? fragt er sich.

Drei Essays, alle drei lesenswert, alle drei können hier inhaltlich nur angerissen werden in einer Rezension. Denn Schlink versteift sich nicht auf eine These, er kann Standpunkte wechseln, erörtert Für und Wider und zeigt, was diese oft missachtete Literaturgattung Essay" leisten kann.

Und am Schluss gesteht er uns: Dies ist die erste Einladung zu einer Poetikprofessur, die ich angenommen habe, und es ist die letzte. [...] Über der Vorbereitung habe ich gemerkt, was ich schon ahnte: Ich will mir eigentlich keine Gedanken über das Schreiben machen, nicht über mein Schreiben und auch nicht über das Schreiben anderer. Ich will Schreiben."

Hans Peter Roentgen
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Helga König #1 HALL OF FAME REZENSENT TOP 10 REZENSENT
Dieses kleine Büchlein enthält Bernhard Schlinks "Heidelberger Poetikvorlesungen" aus den Monaten Mai und Juni 2010. Sie setzen sich aus folgenden Teilen zusammen:

1) Über die Vergangenheit schreiben
2) Über die Liebe schreiben
3) Über die Heimat schreiben

Für Schlink sind die Gestalten historischer Romane heutige Gestalten im gestrigen Gewand. In den Möglichkeiten der Zukunft, mit denen Sciene Fiction spielt, spiegeln sich nach seiner Ansicht die Hoffnungen und Ängste im Hier und Jetzt, (vgl.: S.7).

Für den Autor stellt sich die Frage, ob es für das Schreiben über die Vergangenheit des Dritten Reiches beispielsweise besondere Regeln geben müsse, weil das kollektive Schicksal der Vergangenheit ein besonderer Teil der individuellen Identität der Opfer geworden sei, das diese mit ihrem individuellen Schicksal angemessen dargestellt sehen möchten. Sie empfänden die Verzerrung nicht bloß ihrer persönlichen Vergangenheit als verletzend, sondern vielmehr der Vergangenheit in ihrer Gesamtheit, (vgl.S.9).

Für Schlink gibt es nur eine einzige Regel und das ist jene der Wahrhaftigkeit. Wie aber stellt sich diese Wahrhaftigkeit in der Literatur dar? Kann diese auch die Basis für ein Märchen, eine Komödie oder Satire verkörpern und dürfen Autoren solche Texte über den Holocaust schreiben? Nach seiner Ansicht schon, wenn die Wahrheit hierdurch nicht verloren geht. Für den Autor ist es keine Gewähr für Wahrheit, sich an das Typische zu halten. Für ihn bedeutet, dass Literatur dann wahr ist, wenn sie darstellt, was geschah oder hätte geschehen können und dies ist auch in Komödien, Satiren, im Mythos oder im Märchen möglich.

Schlink meint zu Recht, dass Literatur uns unsere Wirklichkeit erklärt und dass sie uns einlädt, uns in andere Wirklichkeiten hineinzuversetzen, die nicht die unseren sind, (vgl.: S.26). Sehr gut erläutert er, weshalb das Erzählen einer Geschichte keine andere Absicht vertrage, als die, die Geschichte zu erzählen und sie wahrhaftig zu erzählen, (vgl.: S.28). Es kann dabei vorkommen, dass diese wahrhaftigen Geschichten auf Kosten anderer geschrieben werden und man abwägen muss zwischen dem Interesse, das Erzählte zu veröffentlichen und den Verletzungen, die dadurch geschehen. Als Beispiel nennt der Autor "Das Leben der Anderen". Man könne über Vergangenes letztlich nicht so schreiben, dass sich niemand verletzt fühle und deshalb bestünde keine Gewähr dafür, dass, wenn es nur stimmte, sich niemand verletzt fühle. Es könne verletzen - wie die Vergangenheit verletzt habe und weiter verletzen, (vgl.:S35). Dem kann man nur zustimmen.

Interessant sind auch Schlinks subtile Betrachtungen über die Liebe. Für ihn bedeutet, über die Liebe zu schreiben, über Lieben zu schreiben und dabei die Liebe in ihrer Vielgestaltigkeit zu bewahren, sie mithin vor dem normativen Zugriff zu schützen, (vgl.S.42). Was er damit meint, breitet er in dieser Vorlesung gut verständlich aus und auch wie sich seine Figuren, die er ähnlich liebt, wie seine Leser, während er sie entwickelt, ein Eigenleben annehmen, die das konfliktfreie Nebeneinander von Wahrnehmung der Schlechtigkeit und liebender Nähe notwendig machen, was offenbar nur durch eine Art "Stockholmsyndrom" zu schaffen ist.

Schlink lässt immer Autobiographisches in seine Figuren mit einfließen, aber stets so, dass nur die gemeinte Person in der Lage ist, sich in der Figur wiederzuerkennen.

Heimat ist das dritte Thema in den Vorlesungen. Er macht deutlich, dass die Vorstellung eines Rechts auf Heimat als den geographisch dingfest zu machenden Ort zum Haben- und Nehmen-Wollen, zu Konflikten und Kriegen mit dem besten Gewissen führe, weil es doch nur um die selbstverständlichste aller Selbstverständlichkeiten gehe, die Heimat, (vgl.: S.84). Es muss klar sein, dass Heimat immer eine utopische Vorstellung ist, weil der Ort an den wir zurückkehren, niemals der Ort ist, von wo wir ausgegangen sind, (vgl.: S.84-85). Schlink macht den Ort über den er jeweils schreibt, zu seiner Heimat, indem er in seiner Sprache über ihn schreibt, (vgl.: 81). Zu diesem Ort zurückzukehren ist möglich, wenn er in seinen Texten liest. Vielleicht ist dies eine der wenigen positiven Formen von Heimat, weil sie keine Konflikte und Kriege im Schlepptau hat.

Die Vorlesungen stimmen nachdenklich. Ich empfehle diese Texte insofern gerne.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Fuchs Werner Dr #1 HALL OF FAME REZENSENT TOP 50 REZENSENT
"Dies ist die erste Einladung zu einer Poetikprofessur, die ich angenommen habe, und es ist auch die letzte", schreibt Bernhard Schlink ganz zum Schluss seiner drei Vorlesungen. Denn schon während der Vorbereitung habe sich seine Ahnung bestätigt, dass er sich eigentlich keine Gedanken über das Schreiben machen wolle. Weder über sein eigenes, noch über das anderer. "Ich will schreiben."

Der Versuchung, öffentlich über die eigene Tätigkeit zu reflektieren, geben viele Autoren nach. Aber nur wenige haben die schwierige Gratwanderung zwischen Produzent und Rezipient so treffend in Romanform beschrieben wie Wolfgang Hildesheimer. Es erstaunt denn auch nicht, dass uns die Schreibenden die Geheimnisse ihrer Kunst kaum vermitteln können. Und wenn sie es versuchen, ergeht es ihnen meist wie Bernhard Schlink. Sie umkreisen das Thema, ermöglichen manchmal einen kurzen Blick auf das Wesentliche und verlieren sich in anderen Geschichten. Die sind zwar nicht minder spannend, haben aber oft nur am Rande mit dem Prozess des Schreibens zu tun.

Obwohl mir Bernhard Schlink zu keinen neuen Erkenntnissen über den komplexen Prozess des Schreibens vermittelte, hat sich die Lektüre der 85 Seiten gelohnt. Denn als Ausgangspunkt seiner Thesen und Vermutungen wählt Schlink drei spannende Themen, die ohnehin nicht abschließend behandelt werden können. Es sind dies: Vergangenheit, Liebe und Heimat.

Bernhard Schlink überrascht seine Zuhörer zu Beginn der ersten Vorlesung gleich mit dem Satz: "Alles Schreiben ist Schreiben über die Vergangenheit." Und die Begründung lautet: "Ich kann nur über das schreiben, was ich kenne, und ich kenne nur, was schon geschehen und also vergangen ist." Und das gelte auch für das Schreiben über die Zukunft, da er dann nur extrapoliere, was bereits geschehen sei.

Irgendwie selber nicht ganz zufrieden mit diesem Ansatz, führt er den Begriff der Wahrheit ein. Aber damit begibt er sich natürlich auf sehr dünnes Eis. Und dass er nie ganz einbricht, kann er nur verhindern, indem der Wahrheit die Wahrhaftigkeit zur Seite stellt. Ob es tatsächlich die primäre Funktion von Literatur ist, uns die Wirklichkeit zu erklären, möchte ich offen lassen. Eher möchte ich der These zustimmen, dass wir deshalb lesen, "weil wir in der Begegnung mit den Geschehnissen und Gestalten der Literatur erfahren, wer wir selbst sind."

In der zweiten Vorlesung geht es um das Schreiben über die Liebe. Und dass ihn erst die Leser lehrten, dass er über die Liebe schreibe, ist natürlich Koketterie. Aber gerade weil er dieses von der politischen Korrektheit inzwischen ebenfalls erfasste Thema so locker angeht, hat mir diese Vorlesung am besten gefallen. So wagt er es zum Beispiel zu schreiben: "Wäre ich nicht Protestant, sondern Katholik, würde ich die Geschichte des Paters schreiben, der den Ministranten liebt. Nicht um den Missbrauch zu rechtfertigen oder auch nur zu entschuldigen - vermutlich gehört es sich, das deutlich zu sagen. Sondern weil es eine richtige, stimmige Liebesgeschichte werden könnte, die Geschichte einer trostlosen Liebe in einer lieblosen Institution." Von der Ideologie, man müsse alle Menschen lieben und mit allen Menschen liebevoll umgehen, sind Bernhard Schlinks Betrachtungen glücklicherweise weit entfernt.

Gefallen hat mir auch Schlinks Vorlesung über den Begriff Heimat und der schwierigen Aufgabe, sich diesem schreibend zu nähern, ohne in kitschige Nostalgie zu verfallen. Mit großem Interesse folgte ich Schlinks Ausführungen über die prägenden Muster der Kindheit und dem Wunsch nach einer Rückkehr ins Paradies. Aber dabei bleibt Bernhard Schlink nicht stehen, sondern lotet auch andere Gebiete aus, die uns das Gefühl von Heimat vermitteln. Und dazu gehört selbstverständlich auch die Muttersprache.

Mein Fazit: Wer mehr über den Prozess des Schreibens, das Festhalten und Vermitteln von Wirklichkeit oder den Begriff von Wahrheit erfahren möchte, wird bei diesem Buch nur bedingt auf seine Rechnung kommen. Und das liegt vor allem daran, dass Bernhard Schlink lieber schreibt, als Vorlesungen über das Schreiben zu halten. Aber da er ein großartiger Erzähler ist, kann er seine Gedanken über Vergangenheit, Liebe und Heimat in spannende Geschichten verpacken.
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