Was man vom Autor Konrad Dietzfelbinger in der Kurzbiographie liest, ist mir auch widerfahren: Obwohl - oder gerade, weil - das Christsein von klein auf zu meinem Leben gehört, sammelten sich doch manche Fragen zu Unverständlichem an, die mir als Kind Erwachsene (immerhin gut gemeint) mit dem Satz: "Das muss man eben einfach glauben !" zu beantworten pflegten. Solche Fragen betrafen u.a. Wundertaten, in denen scheinbar die Naturgesetze nach Belieben aufgehoben wurden oder etwa Grausamkeiten und Drohungen Gottes, die zum Bild eines gütigen Geistes nicht passen wollten.
Indem Dietzfelbinger klarmacht und schlüssig belegt, dass es in der Bibel nicht um historische Sachverhalte oder Anleitungen primär fürs tägliche Leben geht, sondern um Gesetzmäßigkeiten der geistigen Welt und die Bestimmung des Menschen für einen spirituellen Weg, erneuert er das Verständnis des Christseins im Sinne des ursprünglich Gemeinten, ohne "auch nur ein Jota" zu verändern. Im Gegenteil, immer wieder bemerkt man beim Lesen, dass genau das ja so in der Bibel steht - nur wurde es selten so deutlich herausgearbeitet. So muß man Wunder - wörtlich genommen - mißverstehen als eine Art höhere Magie oder gar Zauberkunststücke. Versteht man sie aber symbolisch bildhaft und auf die geistige Materie bezogen, dann heben sie Naturgesetze keineswegs auf und erschließen sich im vollen Sinn. Wenn man entsprechende Aussagen Jesu als finstere Verwünschungen mißinterpretiert, dann entsteht das Bild eines kleinlich rachsüchtigen Gottes. Vielmehr handelt es sich aber - so Dietzfelbinger einleuchtend - um Darstellungen ganz zwangsläufiger Wirkungen im Bereich der geistigen Welt. Wenn man die Evangelien als Jesus-Biographien liest und überprüft, fallen einem vielerlei Ungereimtheiten auf. Indem sie aber - wie in diesem Buch am Beispiel des Lukasevangeliums gezeigt - als Darstellung des spirituellen Weges Jesu und Anleitung zu dessen Begehen begriffen werden, sind all' diese Widersprüche hinfällig.
Dass ich dem Werk nicht ganze 5 Sterne gebe, liegt (lediglich) am mitunter etwas langatmigen Stil des Autors. Sehr häufig wiederholt er schon gemachte Aussagen, was dem Lesefluß m.E. etwas schadet. Vielleicht hat er aber auch damit gerechnet, die Abschnitte einzeln (gewissermassen als Andachten) zu lesen, wobei freilich eine nochmalige Erläuterung bestimmter Sachverhalte einen Sinn ergibt.
Trotz dieses geringen "Makels" eines der wichtigsten Bücher, die ich jemals gelesen habe und in meinen Augen eine wahrhaft reformatorische Tat !