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Um ihr Kind zu gebären, muss die Mutter sich unbeobachtet fühlen können; verhält sich jemand wie ein Beobachter oder gibt Anweisungen, ist das ein Störfaktor des Geburtsprozesses. Augenkontakt während der Geburt wirkt den Geburtskräften entgegen.
Betrachtet man die Geburt als unwillkürlichen Vorgang, dann ist die Vorstellung, dass eine Frau das Gebären lernen müsse, nicht länger aufrecht zu erhalten. Odent kritisiert Ferdiand Lamaze, den Vater der sogenannten Lamaze-Methode, der meinte, eine Frau müsse das Gebären lernen.
Der Autor verwendet für jene Faktoren, die dazu beitragen, dass die Frau sich vollkommen ungestört und unbeobachtet fühlt, den englischen Begriff "Privacy":
Im Dunkeln fühlt man sich weniger beobachtet. Ein gewisser Grad an Unordnung schafft Vertrautheit. Es ist einfacher, in einem kleinen Zimmer ein Kind zur Welt zu bringen, als in einem Großen. Wenn eine Frau mit Wehen ins Krankenhaus kommt, sollte sie sofort das Zimmer belegen können, in welchem sie ihr Kind zur Welt bringen wird. Ein Wechsel des Ortes während der Geburt führt häufig zu einer Geburtsverzögerung. Der Ort, an dem das Baby zur Welt kommt, sollte besonders warm sein.
Ein plötzliches Bedürfnis, etwas zu ergreifen und die Knie zu beugen, ist so typisch dafür, dass das Baby gleich kommt, dass sich jede vaginale Untersuchung erübrigt. Dies ist der Zeitpunkt, an dem sich viele Frauen ohne zu zögern ihrer Kleider entledigen. Es besteht das dringende Bedürfnis, ein wenig Wasser zu trinken. Die Pupillen der Frau sind vollständig erweitert.
Odent bemerkte, dass manche Frauen, meistens direkt bevor die Presswehen beginnen, auf mehr oder weniger direkte Art Angst ausdrücken. Falls es keine Einmischung von außen gibt und die Frau ihre Angst ohne Hemmungen ausdrücken kann, bauen sich die starken Kontraktionen ganz plötzlich auf und arbeiten so effektiv wie möglich.
Bei der Geburt kommt es nicht auf die Körperhaltung der Frau selbst an, sondern auf ihren Hormonhaushalt. Ihr Hormonhaushalt beeinflusst ihre Körperhaltung. Beim Beginn der letzten Wehen ist die beste Körperhaltung normalerweise eine, an die niemand im voraus gedacht hätte.
Genau wie während der Geburt sollte auch während der Nachgeburtsphase keinesfalls eine Position vorgeschlagen werden. (Es gibt nur eine absolut ungünstige Position: die Mutter liegt auf dem Rücken, in einer halb sitzenden Stellung, und das Baby liegt auf ihrem Bauch. Odent kritisiert, dass Geburtshelfer gerade diese Haltung oft vorschlagen.)
Die Mutter nimmt spontan eine Position ein, die dafür sorgt, dass der Blutverlust gering bleibt. Beim ersten Stillen koordinieren Mutter und Baby ihr Tun. Niemand "legt das Baby an die Brust". Der Kontakt mit den Augen und der Haut des Babys hilft der Mutter, die Hormone auszuschütten, die notwendig sind, um die Plazenta auszustoßen.
Odent streicht die Bedeutung der Vormilch (Kolostrium) für das Neugeborene heraus.
Zum Weiterlesen verweise ich auf "Die Wurzeln der Liebe", dort schildert der Autor die hier angesprochenen komplexen biochemischen Vorgänge rund um die Geburt noch eingehender.
Odent gibt hier kein Handbuch zum Besten, sondern eher einen teils etwas wissenschaftlich, aber dennoch auch für Laien verständlich formulierten Ratgeber mit gesellschaftskritischem Blickwinkel.
Warum sterben in Holland, wo die Hausgeburtsrate enorm viel höher ist als bei uns, weitaus weniger Babys während oder kurz nach der Geburt als im Rest der "entwickelten Welt", wo die meisten Kinder im Krankenhaus zur Welt kommen?
Wie kann die hohe Zahl an Kaiserschnitten, Zangen-/Saugglockengeburten, die fast schon obligatorische Gabe von Schmerz-, Betäubungs- sowie geburtsfördernden Mitteln auf ein Minimum reduziert werden? Warum kann der moderne Inkubator für Frühgeborene überflüssig gemacht werden? Was haben Kolostrum und langes Stillen mit Gesundheitsvorsorge in der Gesellschaft zu tun? Antworten dazu liefert Odent. Und sie scheinen so einfach - warum hört bisher kaum jemand darauf?
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