Als deutscher Sechs-Tage-rundum-Besichtigungs-Tourist in Istanbul/Konstantinopel/Byzanz, allerdings relativ unvorbereitet und vor allem unbelastet bis dahin von eigenen einschlägigen Erfahrungen, zunächst nur auf einen ADAC-Plus-Reiseführer vertrauend, habe ich mir vor dem Abflug von München noch zusätzlich Strittmatters "Gebrauchsanweisung für Istanbul" im Flughafen-Bücherladen gekauft. Ich muss sagen, das war eine gute Investition. Sie ersetzt zwar nicht den bunt bebilderten, systematisch und in Kürze alles zusammenfassenden Reiseführer inklusive Stadtkarte; - aber Strittmatters persönlich gefärbten Beschreibungen sind ein facettenreicher, die Alltagserscheinungen treffender und Hintergründe aufschließender, über weite Passagen spannend zu lesender Prosatext, über Historie, Kultur, Landes- und Menschenkunde. Ein Augen- und Ohrenöffner.
Weitgehend genau so, wie von Strittmatter beschrieben, habe ich das, was ich erlebt habe, auch erlebt, angefangen im asiatischen Teil, beim wortlosen, anatolischen Taxifahrer, für den Verkehrschilder, wie Geschwindigkeitsbegrenzungen, keine Bedeutung zu haben scheinen, auf dem 50 Kilometer langen Weg vom modernen Flughafen Sabiha Gökcen, vorbei zu beiden Seiten an gerade neu hochgezogenen, kalt abweisenden, endlosen Hochhaus-Reihen, schließlich über die Bosporusbrücke bis in die alte Innenstadt, dort die oft extrem engen, abenteuerlich zugeparkten Straßen und kaputten Gehwege und baufälligen, verfallenden, einfallenden Wohnhäuser unterhalb des Galataturms, wo ich mit meiner Familie wohnte, Lärm, ständiges Gehupe, als Fußgänger notgedrungen immer wachsam und auf dem Sprung vor den aus allen Ecken selbstherrlich hervorstoßenden gelben Taxis, überall Radau und Krach, "Gürültülü", wie Strittmatter ins bzw. aus dem Türkischen übersetzt, nicht nur am frühen Morgen ziemlich unangenehm die hohe, ins Gehirn bohrende Dezibel-Penetranz der Muezzin-Lautsprecher-Rufe gleich bei Sonnenaufgang, ebenso die scheppernde, motorisierte Straßenreinigungskolonne, und unbeeindruckt auf allen Plätzen und Straßen die Rudel von geradezu aufdringlich selbstbewussten Katzen, willkommen die Sesamkringel-Verkäufer, überhaupt: ein unvergesslicher Genuss ist das tägliche frische Brot, vielfältig und überreich im Angebot, Tee, Kaffee, türkischer Honig, Raki, Efesbier, köstliche gemischte Speiseplatten am Abend, und überall immer nur männliche Bedienung, stets freundlich und aufmerksam, oft aber auch unangenehm zudringlich, neugierig wie Beutemacher, bedrängend, die meisten mindestens deutsche Brocken sprechend, vor allem vor und in den Touristenrestaurants, verschachtelte, oft winzigste Läden in den Gassen und Nebenstraßen, und überall im Stadtbild wehen und hängen rote Türkeifahnen, und immer wieder die Jahreszahl "1453", sogar als Bezeichnung für ein modernes Panorama-Museum, wo die massenhaft durchgeschleusten Schulklassen einen dreidimensionalen Schnellkurs in türkischem Nationalstolz erhalten, und schließlich die zweite dominante Jahreszahl, nämlich "1923", groß in aufragenden Beton gegossen in der Fußgängerzone oberhalb von Galatasaray, zahllose Büsten und Bildportraits von Mustafa Kemal Atatürk, ebenso natürlich Moscheen in jedem Blickwinkel und Minarette, selbstverständlich, und mitten durch die Stadt hindurch, zwischen Asien und Europa der breite Bosporus, aber doch schmaler als ich mir das vorher vorgestellt hatte, sein mächtig sich in kraftvollen Strudeln windendes blaues, graues Wasser, das man am liebsten mit der Schöpfkelle trinken möchte, wenn einem der Verstand bzw. die Ehefrau nicht sagen würde, dass es ungenießbares Salzwasser ist, darauf die großen und kleinen Schiffe und Boote, auf- und eintauchende Delphine, weit draußen die Prinzeninsel Büyükada, wo keine Autos fahren dürfen, etc. etc.