Erstaunlich, dass sich Leute über Antje Rávic Strubels (Schreib-)Stil und Preis-Gewinn aufregen. Offensichtlicher kann man seinen Neid - vielleicht selbst erfolgloser Autor (?) - nicht dokumentieren... Dass sich Antje Rávic Strubel in ihrer "Gebrauchsanweisung für Schweden" häufig auf ihre sozialistische Heimat (DDR) bezieht, bereitet mir als "Wessi", der mit einer "Ossi" verheiratet ist, keinerlei Kopfschmerzen. Ihre ganz zu Beginn des Buchs gemachte Bemerkung: "Was ich hier (in Schweden) fand, war eine Gesellschaft, die einer real existierenden Utopie (DDR) am nächsten kam." trifft den Nagel auf den Kopf.
Unterscheiden sich "Jantelagen", "Lagom" und die (theoretische) Gleichmacherei des untergegangenen DDR-Sozialismus so sehr?
Ich habe mich 2007 intensiv mit dem über 80 Jahre alten Vermieter eines Ferienhauses auf der schwedischen Insel Öland unterhalten. Der Mann hatte eine schwedische Mutter und durfte 1947 mit Erlaubnis der britischen Militärregierung Berlin nach Schweden verlassen und erhielt auch sofort die schwedische Staatsbürgerschaft. Er hat Germanistik und Anglistik studiert und bis zu seiner Pensionierung als Lehrer in Schweden gearbeitet. Der Mann trug weder schwedische noch deutsche Scheuklappen. Einige seiner Aussagen über Schweden sind bei mir hängengeblieben:
* Trotz der unsynchronisierten Spielfilme ist das Englisch der Schweden nicht so gut wie sie selber gerne glauben...
* Die Regierungsstruktur der schwedischen Läns (Provinzen) mit ihren "Landeshauptmännern" an der Spitze ist Österreich (ja auch der DDR?) vergleichbar, da die Befugnisse eines "Hövding" keineswegs mit dem Ministerpräsidenten eines (west)deutschen Bundeslandes zu vergleichen sind. Stockholm (Ost-Berlin) lenkt zentralistisch.
* Gewisse, weitere Ähnlichkeiten Schwedens mit der DDR hat der Vermieter bestätigt!
* Es gibt in Schweden kein duales Bildungssystem - dafür aber einen "Alkoholgürtel", der in "Gebrauchsanweisung für Schweden" auch Wodka-Gürtel genannt wird.
Aus reiner Neugier hatte ich 2007 einen kurzen Abstecher zu "Calles Grenzshop" auf Fehmarn gemacht. Bier verschwand dort palettenweise in Kofferräumen und Anhängern mit schwedischen Kennzeichen. Sommer 2007 berichteten schwedische Zeitungen über dieses Treiben. Die Polizei musste - nein keine betrunkenen Fahrer aus dem Verkehr ziehen -, sondern die Weiterfahrt von Auto bzw. Gespann wegen völliger Überladung verbieten. Wem die 3,5 % Alkohol des absolut trinkbaren schwedischen Supermarktbiers diverser Sorten nicht ausreichen, wer für 2 % mehr Alkohol im Bier hunderte Kilometer fährt, kann mit Alkohol ganz offensichtlich nicht umgehen...
Ein Rezensent mokiert sich darüber, dass Antje Rávic Strubel Jugendliche auf einem schwedischen Campingplatz beschrieb, die Bier gehabt hätten. Und? Als ob es in Schweden ein unlösbares Problem für Jugendliche wäre, über den älteren Kumpel im Supermarkt ein paar "3,5-Prozenter-Öle" zu beschaffen. Klar, Alkohol wird in Deutschland ja auch erst ab Volljährigkeit getrunken...
Ob der Anblick eines besoffenen Schweden, der am Tage mit weit geöffnetem Stall sein Wasser in hohem Bogen von der Mole unübersehbar für die mitfahrenden Kinder der gerade einlaufenden Fähre abschlägt, "schöner" ist als der "Nachtpinkler" in Antje Rávic Strubels Buch...
Vom Wohlfühlfaktor der Tundra, den Antje Rávic Strubel so nicht fand, kann man wohl nur schwärmen, wenn man da nicht leben muss. Mein erster Schwager, ein eingeborener Schwede beantwortete Anfang der 80er Jahre meine Frage zu einer weiteren Traumprovinz etlicher Deutschen (damals noch in Englisch) so: "Småland? Småland is boring." Småland ist fade, langweilig...
Damit kein Missverständnis entsteht: ich bin seit 1966 begeisterter Schweden(urlaubs)fan. Meine Schwester lebt seit den 80ern in Südschweden und hat mittlerweile die schwedische Staatsbürgerschaft. Über sie und das gemeinsame Ferienhaus ist mir das (Alltgas-) Leben auch außerhalb der hellen Sommer(urlaubs)monate ein bisschen vertraut. Ich möchte - auf schwedisch - keine Diskussion über das Sozial-/Steuersystem des Landes führen, aber die Sprachfähigkeiten reichen für etwas mehr als eine Grußformel oder die Bestellung an der Fischbude...
Muss man aber so ein Brett vorm Kopf haben, und kritisieren, wenn Antje Rávic Strubel ein paar Dinge über Schweden anders sieht und das Land öfter mit der DDR vergleicht? Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, dass sich das Buch "ausschliesslich an (...) Leser, vorzugsweise aus der DDR (richtet)", oder dass ich in einem "DDR-Erinnerungsbuch gelandet (bin)".
Gutmenschen, die Schweden nur durch den verklärten Blick der "Bullerbü-Brille" immer weiter erhöhen, helfen keinem am Land wirklich Interessierten. Offensichtlich reagieren besonders Neuschweden empfindlich auf andere Meinungen über ihr gelobtes Land. Meine Schwester war schneller aus bestimmten Foren raus, als sie drin war. So sehr ging ihr das Bullerbü-Syndrom als dann schwedische Staatsbürgerin (!) auf die Nerven. Wehe es wagte einer bestimmte Dinge zu kritisieren.
Antje Rávic Strubels Buch ist ehrlich, lesenswert und gelungen!
Ralf Jannke