Lebensbejahende Mystik
Pierre Stutz präsentiert in seinem Buch: "geborgen und frei - Mystik als Lebensstil" eine moderne, authentische, gesunde, freie, das Leben bejahende Mystik. Eine gute und richtige Intention. Welchen Sinn hätte heute auch eine Mystik, die sich nur von der Welt und ihrem Getriebe abwenden wollte?
Für das Cover hat sich der Verlag für ein Bild entschieden, das aus der Tradition des Zen stammt. Im Buch werden aber keine Zen-Mystiker behandelt, sondern fast nur christliche Mystiker. Das passt nicht und stört ein wenig den informierten Leser!
Das Buch ist in zwölf Kapitel eingeteilt, die sich jeweils mit einem Thema der Mystik auseinandersetzen. Beispiel: Kap.2: Entdecke die Wunder der Schöpfung - spüre deine Verwurzelung - Mystik des Staunens. In jedem Kapitel werden dann Mystiker der Geschichte ein wenig vorgestellt und auch gleich kommentiert. Pathologisches wie Allmachtsphantasien oder zu private Offenbarungen werden abgelehnt. Unterstützt werden diejenigen Elemente und Ansätze, die Wege einer Mystik des Lebens und der tanzenden Lebendigkeit aufzeigen. Das ist auf jeden Fall sehr sinnvoll.
Die einzelnen Kapitel beginnen mit Beschreibungen von Filmen. Wir schauen zwar alle Filme, viel zu viele Filme, aber das sind nicht unsere Erfahrungen. Das ist nicht unser Leben, auch wenn es uns inspirieren kann. Warum schreibt Pierre Stutz nicht mehr aus eigenen Erfahrungen? Hält er sie für zu subjektiv oder zu persönlich?
Das Thema der Natur kommt aus meiner Sicht zu kurz. "Schöpfungsverbunden leben" - der Ausdruck drückt für mich eine Distanz zur Natur aus. Was Pierre Stutz schreibt, ist alles richtig, aber von einer als heilig verehrten Natur und einer entsprechenden Mystik ist das noch weit entfernt. Zwar schreibt er, dass uns "Naturvölker ...spirituelle Lehrmeister"(S.72) sein können, aber das war es dann auch schon. Heute, 2012, ist das meiner Meinung nach zu wenig. Wir sollten da in der Entwicklung schon weiter sein.
"Ich staune über dieses Erahnen der Gegenwart Gottes in allem, alles ist beseelt und ich lebe aus dieser Verbundenheit mit allem. Doch dieses Staunen führt mich zu einem entsetzten Staunen, weil die Feinde des Lebens Tiere quälen, die Schöpfung verseuchen, Menschen foltern und strukturelle Ungerechtigkeiten fördern." Pierre Stutz sieht immer beide Seiten. Die positive Verbundenheit mit allem und die destruktive Schattenseite. So zeigt er dem Leser bei jedem Aspekt der Mystik diese beiden Seiten auf, um den Leser zur Entfaltung der guten und wahren Seite zu motivieren, der "kosmischen Christuskraft", die "immer mehr alles durchdringen möchte und die angewiesen ist auf unser Mitgestalten, auf unser Mitlieben, was immer auch Mitleiden bedeutet."(S.77)
Die zwölf von Pierre Stutz präsentierten Wege einer lebendigen Mystik sind allesamt richtig und fördern eine positive Lebens-Mystik (die Wege, siehe oben unter der Kurzbeschreibung). Somit gewinnt jeder Leser zahlreiche Impulse, wie er in heutiger Zeit Mystik leben kann.
Am Ende von jedem Kapitel präsentiert der Autor zunächst eine kurze Zusammenfassung dessen, was mystische Menschen sind. Dann folgt ein Gebet an Gott. Eine sehr gute Idee, wie ich finde. Hier zwei Auszüge aus dem Schlussteil des Buches.
"Mystische Menschen lassen sich alltäglich zur Liebe verwandeln. Sie verinnerlichen den Kreuz- und Auferstehungsweg Jesu als Grund-Weg, der ihnen lösend und erlösend aufzeigt, was sie wirklich zu einem glücklichen Menschsein brauchen: Freiheit und Geborgenheit. ...." (S.336)
"Du
stärkst uns zur Einheit
im Aufgeben von Machtstrukturen
die deiner Botschaft widersprechen
Du
lebst in uns als Christuskraft
die aufrichtet zur Lebendigkeit
in Freiheit und Geborgenheit"(S.337)
Mystiker waren schon immer anders. Oft wurden sie von den Mächtigen und Herrschenden abgelehnt, verfolgt und sogar auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Aber sie wollten immer eine wirklich bessere Welt, für sich und logischerweise auch in Gemeinschaft mit den Anderen und der ganzen Natur. "Mystikerinnen und Mystiker bestärken als Querdenkerinnen und -denker zu einer kritischen Beweglichkeit, die den Weg durch die Wüste nicht scheut, die Frömmigkeitsformen hinterfragt, die um eine neue Sprache für das Ewige ringt, weil dieser Weg in die Freiheit führt, in der die Menschenrechte miteinander verwirklicht werden."(S.238) Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen!
Zusammenfassend kann man sagen: Ein sehr umfangreiches, vielschichtiges und inspirierendes Buch!