Lebenslange Wunden
Die Autorin Fadumo Korn kämpft gegen Beschneidung
Ihre Unbeugsamkeit zeigte sich früh: Als Nomadenkind wollte Fadumo die Langeweile eines heißen Nachmittags vertreiben, indem es seine Ziege mit Blumen schmückte. Doch das Tier hielt nicht still. Da wurde Fadumo so wütend, dass sie die Ziege in den Hals biss, bis diese vor Schmerz schrie. Auch heute noch kriegt Fadoumo Korn „Lust zu beißen", wenn das Gute nah ist, aber irgendjemand ihr Hindernisse in den Weg legt.
Vom wilden Nomadenmädchen zur Münchnerin, Ehefrau, Mutter, Dolmetscherin und Referentin war es ein weiter Weg. Wenn die 40-Jährige heute vor einer Schulklasse zum Thema Flucht spricht, wirkt das so unkonventionell und überzeugend, dass ihr Schüler noch Jahre nach dem kurzen Besuch E-mails schreiben. Und sicher werden sie auch ihr Buch lesen, das in diesen Tagen bei Rowohlt erscheint: „Geboren im Großen Regen". Die Geschichte der Nomadentochter aus Somalia, in der Schmerz und Tod die Hauptrollen spielten, wären da nicht der schier unglaubliche Lebensmut und Humor dieser ungewöhnlichen Frau. Ihre Sprache ist von einer Lebendigkeit, Reinheit und atmosphärischen Dichte, dass man sich jede Phase dieses Schicksals lebhaft vorstellen kann - und immer wieder staunt über den Pragmatismus des ständig kranken und unterernährten Mädchens.
Ihre Geschichte ähnelt der ihrer Leidensschwester Waris Dirie, und tatsächlich war es auch deren Buch „Wüstenblume", das Fadumo Korn ermutigte, sich endlich offensiv mit dem Thema Beschneidung zu beschäftigen und sich in der Hilfsorganisation „Forward" zu engagieren. Mit sieben Jahren beschnitten, ins Koma gefallen, an Rheuma, das ihre Gelenke deformierte, erkrankt, wurde Fadumo vom reichen Onkel auf eine Odyssee durch Krankenhäuser, auch in Europa geschickt. Als sie mit 18 Jahren in München ihren heutigen Mann kennen lernt, hat das Nomadenleben ein Ende.
Fadumo setzt sich - kaum, dass es ihr selbst besser geht - für andere ein, in Deutschland und in der vom Bürgerkrieg zerstörten Heimat. Bis sie ein positives Verhältnis zu ihrem Körper entwickelt, den sie seit der Beschneidung gehasst, für den sie sich geschämt und schuldig gefühlt hat, sollte es noch Jahre dauern. Erst als das geschafft war, konnte sie ein Buch schreiben, das auch von der Schönheit Afrikas erzählt und von der Stärke der afrikanischen Frauen.