Der Mord an Millionen von Juden ist Hauptgegenstand der Holocaust-Literatur. Manche Autoren beschäftigen sich darüber hinaus mit den Davongekommenen, die blinder Zufall überleben ließ und in alle Welt verstreute.
Walter Laqueur, der Deutschland noch knapp vor der "Reichskristallnacht" verlassen konnte, ist hunderten von Einzelschicksalen nachgegangen, wobei er besonderes Gewicht jener Generation zukommen lässt, die wegen ihrer Jugend noch nicht gänzlich mit ihrem Geburtsland verwurzelt und somit am ehesten befähigt war, in neuen Domizilen eine andere Existenz aufzubauen. In über hundert Gastländer führte der Exodus. Die Aufnahme dort erfolgte sehr unterschiedlich, die weiteren Lebensläufe waren dementsprechend unvorhersehbar. Von vielen Menschen sind nur noch Name, Herkunft und Fluchtroute überliefert, andere traten als Politiker, Wissenschaftler, Ökonom oder Künstler ins Rampenlicht. Reich-Ranicki, Rosenthal, Galinski, Bubis, Kissinger, Torberg stehen hier stellvertretend für viele.
Da in manchen Ländern Juden nicht gern aufgenommen wurden, bekam die zionistische Bewegung starken Zuwachs und nicht wenige, für die es in Deutschland keine Zukunft mehr gab, gingen begeistert nach Palästina, um ihren Beitrag zum Aufbau von Erez Israel, ihrer neuen Heimat, zu leisten.
Laqueurs Studie ist der erste größere Versuch, sich des Exodus der jüdischen Jugend anzunehmen. Leider kommt er dabei über ein reines Kompendium kaum hinaus und liefert eher eine Fundgrube für interessante Monographien, die es noch zu schreiben gilt. In der Fülle der Emigrationsgeschichten bleiben die einzelnen Persönlichkeiten oft ohne scharfe Konturen. Weniger wäre hier -- wie so häufig -- mehr gewesen. Schade auch, dass Laqueurs Stil ziemlich trocken und merkwürdig teilnahmslos ist. Farbigkeit und Emotion stünden der Wissenschaftlichkeit keinesfalls entgegen und hätten das durchaus wichtige Buch etwas aufgelockert. --Jürgen Grande
Das historische Buch
Exodus der jüdischen Jugend aus Deutschland
Walter Laqueurs Porträt einer entwurzelten Generation
Der Historiker Walter Laqueur geniesst als Wissenschafter, Autor und Kritiker des aktuellen politischen Geschehens breite Anerkennung. In seinem neuen, bei Propyläen erschienenen Buch «Geboren in Deutschland. Der Exodus der jüdischen Jugend nach 1933» schreibt er über die «jüdischen Kinder der Weimarer Republik», über eine ins Exil verstreute, entwurzelte Generation. Die erzählten Schicksale weisen kaum Gemeinsamkeiten auf, ausser dem Zufall der Geburt: Die Betreffenden wurden alle zwischen 1914 und 1928 in Deutschland und Österreich geboren. In dem Buch kommen Menschen zu Wort, die als Jugendliche in fremde Länder flüchteten, die sich als Kinder einer neuen Kultur anpassen mussten, fernab von Eltern und Verwandten. Der 79-jährige Laqueur legt ein Kollektivporträt seiner eigenen Generation vor, summiert Einzelbiographien zu einem aussagestarken Dokument. Sein eigener Lebensweg ist einer von vielen: Als 17-Jähriger flüchtete Laqueur kurz vor der «Kristallnacht» aus Nazideutschland nach Palästina.
Als Hitler 1933 an die Macht kam, lebte eine halbe Million Juden in Deutschland eine kleine Minderheit, die weniger als ein Prozent der Bevölkerung ausmachte. Laqueur schildert den sich verschärfenden Antisemitismus, die Ghettoisierung des deutschen Judentums, die zunehmenden antijüdischen «Massnahmen» und die Ernüchterung vieler Juden, als sie sich in der «neuen Rolle des Parias» wiederfanden. Dabei vertritt der heute in London und Washington lebende Autor die These, den meisten Juden sei das Ausmass der Katastrophe bis 1938 nicht bewusst gewesen: «Es wäre ein Fehler, zu glauben, dass die jüngere Generation in dem Gefühl gelebt hätte, am Rand eines Vulkans zu tanzen.» Erst in den Jahren 1938/39 stieg die Anzahl der Emigranten und erreichte bei Kriegsausbruch 80 000; insgesamt gelang 280 000 Juden die Flucht aus Deutschland. Nicht alle flohen weit genug; nachdem die Nazis fast ganz Europa besetzt hatten, wurden viele aus Ländern wie Holland, Belgien oder Frankreich in die Vernichtungs- und Konzentrationslager deportiert.
Laqueur zeigt verschiedene Fluchtwege auf, beschreibt Gruppen, die über organisatorische Netzwerke verfügten, wie die Kommunisten und Zionisten. Er berichtet über die Kindertransporte nach England, über junge Zionisten auf dänischen Bauernhöfen, über das Leben im Untergrund in Deutschland. In seine Gesamtdarstellung streut Laqueur immer wieder Beschreibungen des Schicksals prominenter Flüchtlinge ein: so etwa des 1925 in Würzburg geborenen und jüngst verstorbenen israelischen Dichters Jehuda Amichai, des Fürther Juden und späteren amerikanischen Aussenministers und Sicherheitsberaters Henry Kissinger, des nach Paris emigrierten und zum Katholizismus konvertierten Politologen Alfred Grosser.
Mehrere Kapitel widmet Laqueur dem Widerstand; er geht auf die in Deutschland agierende Widerstandsgruppe Baum ein und auf die in der Emigration kämpfenden jüdischen Flüchtlinge, die in fast allen alliierten Einheiten vertreten waren. Der Leser erfährt von Soldaten, die nach der Befreiung in Deutschland stationiert wurden und «als Eroberer in ein Land zurückkehrten, das sie einst vertrieben hatte». Während in den ersten Kriegsjahren die Emigration vor allem nach Westeuropa und Palästina ging, standen 193739 Grossbritannien und die USA an erster Stelle; erst danach begann «die grosse Verstreuung» nach Süd- und Mittelamerika und in den «dubiosen Warteraum Schanghai». In dem von nazifreundlichen Kolonien durchsetzten Südamerika hatten es die Flüchtlinge besonders schwer, in vielen Ländern herrschte eine stark antisemitische Stimmung. Schanghai hingegen bedeutete Hoffnung und Rettung, es war damals der einzige Ort auf der Welt, für den kein Visum benötigt wurde. Laqueur zeichnet Spuren bis Australien, Kanada, Indien, Mauritius, Südafrika und zur Türkei nach, zeigt, dass nicht jede Emigration eine Erfolgsgeschichte war und Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit einige gar in den Selbstmord trieben, wie Ernst Toller und Stefan Zweig. Er erzählt von den nach New York emigrierten Juden, lässt jene zu Wort kommen, die Amerika als «Land ohne Mitgefühl» empfanden, und solche, die es vom Tellerwäscher zum Akademiker schafften.
Mühsam war das neue Leben für die zionistischen Jungpioniere, die nach Palästina auswanderten und das Land mit aufbauten. Doch während Amerika, England und Schanghai Exil waren, verkörperte Palästina für überzeugte Zionisten die eigentliche Heimat. Bis 1936 war das britische Mandatsgebiet wichtigstes Fluchtland für Juden aus Deutschland. Die meisten «Jeckes» erlitten nach ihrer Ankunft im rückständigen, heissen Palästina einen Kulturschock, es war kein glückliches Zusammentreffen. Jahrelang waren deutsche Juden gezwungen, sich in den bereits bestehenden Siedlungen niederzulassen, wurden nicht für fähig gehalten, eigene Kibbuzim zu gründen. Für die Neuankömmlinge bedeutete das Leben im entstehenden Israel einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Abstieg: Es gab weder Kühlschrank noch Herd, und viele «Jeckes» sehnten sich nach den Kaffeehäusern des Kurfürstendamms zurück. Auch Laqueurs spätere Frau Naomi traf 1936 im Kinderdorf Ben Schemen ein, in dem damals auch Schimon Perski, heute Shimon Peres, lebte. Im Abschlusskapitel zieht Laqueur Bilanz, richtet den Blick auf die jüdischen Gemeinden des heutigen Deutschland, die von der enormen Zahl russischer Neueinwanderer geprägt sind.
Der Autor, der auf eine lange schriftstellerische Laufbahn zurückblickt und Studien zu den unterschiedlichsten Themen verfasst hat Sowjetunion, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Zionismus , hat es in seinem jüngsten Werk geschafft, durch aufwendige Recherche ein facettenreiches Spektrum von Erinnerungen zusammenzutragen. Die Vielzahl der Emigrationsgeschichten ist jedoch gleichzeitig der schwache Punkt des 460 Seiten starken Werks. Obwohl sich Laqueur bemüht, dem Leser die Schicksale nahezubringen, obgleich er von den Nöten und Freuden, von Assimilation und Heimweh erzählt, ist wohl keiner der Lebensläufe intensiv genug geschildert, um einem im Gedächtnis zu bleiben. «Geboren in Deutschland» ist mehr informatives Nachschlagewerk als eine Lektüre, die gefangen nimmt.
Naomi Bubis