·
Ist's eine Autobiografie? Ein Geschichtsbuch? Ein Entwicklungsroman? Ja, Jens Biskys „Geboren am 13. August. Der Sozialismus und ich" ist alles drei.
·
Autobiografie: Der Autor berichtet detailliert über seine ersten 23 Lebensjahre, 1966 bis 1989. Just am fünften Jahrestag des Mauerbaus kam er im Osten Leipzigs zur Welt. Sein Vater ist der Medienwissenschaftler Lothar Bisky, damals 25-jähriger Student, heute PDS-Chef. Seine Mutter Almuth studierte damals ebenfalls noch, später war sie „Sektorenleiterin Kunstpolitik". (Was mag das gewesen sein? So etwas wie heute eine leitende Position im Kulturamt vermutlich.) Der Schriftsteller Hermann Kant war in den 80ern ihr Chef, überhaupt verkehrte sie mit etlichen DDR-Intellektuellen. Ende der 70er Jahre hatte sie sich zur inoffiziellen Mitarbeit bei der Stasi verpflichtet - heute verzeiht sie sich das nicht. Jens Bisky war zunächst ein vorbildlicher Pionier und FDJ-Aktivist, überzeugt von der DDR, abgesehen von gelegentlichem Unbehagen. „Wer unzufrieden war, hatte nur noch nicht versucht, das Beste daraus zu machen, zu sagen, was ihn störte", glaubte er. 1985 verpflichtete sich Jens Bisky, der Nationalen Volksarmee vier Jahre lang zu dienen. Zu dieser Zeit entdeckte er auch seine Homosexualität, geriet dadurch in Kreise, die DDR-kritisch eingestellt waren. Als die NVA-Vorgesetzten durch Zufall erfuhren, dass er schwul ist, begann ein Spießrutenlaufen. Der zuvor 100-prozentige Sozialist reagierte so, wie die meisten in der DDR reagierten: Er fing an, ein Doppelleben zu führen, ließ sich im Dienst nichts anmerken und nutzte alle Freiheiten, die er irgend kriegen konnte. Am Abend der Maueröffnung saß er im Kino bei der Premiere von „Coming out". Sein Freund Wolfram Witt hatte das Drehbuch geschrieben. Erst später erfuhr er, dass auch Witt für die Stasi gearbeitet hatte. Heute ist Bisky Feuilletonredakteur der Süddeutschen Zeitung. Am vereinigten Deutschland schätzt er das, was der DDR fehlte: politische Freiheit. „Keiner kann mehr willkürlich verhaftet werden. Man kann sich an eine unabhängige Justiz wenden. Es gibt eine freie Presse. Wir können montags und auch dienstags demonstrieren."
·
Warum „Geboren am 13. August" auch ein Geschichtsbuch ist, ergibt sich schon aus dem bereits Gesagten. In der Autobiografie gehen private Erlebnisse und DDR-typische Geschichte Hand in Hand. Bisky schreibt diskret. Er erzählt nichts, wovon er nicht glaubt, dass darin etwas über die eigene Biografie hinaus Gültiges ausgedrückt würde. In der NVA-Passage etwa dürften Abertausende eigene Erlebnisse wieder finden.
·
Auch warum „Geboren am 13. August" ein Entwicklungsroman ist, dürfte jetzt klar sein. Bisky zeichnet den Weg vom strebsamen Pionierhalstuchträger zum überzeugten, alles Dogmatische ablehnenden Demokraten nach. Nebenbei schreibt er in einem virtuosen Stil.
·