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Geboren am 13. August
 
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Geboren am 13. August [Gebundene Ausgabe]

Jens Bisky
3.1 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (7 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Wenn jemand, der noch nicht einmal 40 Jahre alt ist, so etwas wie eine Autobiographie schreibt, dann kann man sich die Lektüre in aller Regel sparen. So sehr die Erfahrung des Rezensenten dieses Vorurteil bestätigt: Für Jens Biskys Geboren am 13. August gilt das nicht! Sein glänzend geschriebener Bericht über Kindheit, Jugend und das Erwachsenwerden in der DDR, das Erleben ihres Zusammenbruchs und die ersten Jahre in der neuen Bundesrepublik ist eine überaus lesenswerte Lektion deutscher Zeit- und Mentalitätsgeschichte.

Jens Bisky wurde exakt fünf Jahre nach dem Tag geboren, an dem die DDR begonnen hatte, den antiimperialistischen Schutzwall aufzurichten, der diejenigen DDR-Bürger, die sozialistisch noch nicht hinreichend gefestigt waren, davor schützen sollte, zum Klassenfeind im Westen überzulaufen. Sein Vater Lothar hatte Jahre zuvor den allgemein weniger üblichen Fluchtweg vom Westen in die DDR gewählt, die er für das bessere Nachkriegsdeutschland hielt. In einem ideologisch dementsprechend klassenbewussten Elternhaus wuchs Jens auf. Die jungen Eltern waren nicht nur überzeugt von der Überlegenheit des DDR-Systems, sie wussten auch um dessen Schwächen, mit denen es sich zu arrangieren galt und die nach Kräften mildern zu helfen für sie Bürgerpflicht war. In Erziehungsfragen waren sie liberal. Sogar Westfernsehen war bei den Biskys nicht tabu. Legitimiert durch die wissenschaftlich-publizistischen Zwecke des Vaters, der sich auf die Analyse der "Westmedien" verlegt hatte, amüsierte sich die Familie auch schon mal gemeinsam über die übelsten Machwerke der imperialistisch-propagandistischen Medienindustrie.

Dass sich trotz solcher "ungünstiger" Voraussetzungen und trotz einer nicht zu leugnenden Nähe zum Apparat in der DDR ein freier und selbstkritischer Geist ausbilden konnte, dafür hat Jens Bisky mit Geboren aum 13. August einen schönen Beleg geliefert. -- Hasso Greb

Kurzbeschreibung

Zum fünften Jahrestag der Errichtung des antifaschistischen Schutzwalls kam am 13. August 1966 im Leipziger Osten ein Kind mit glänzenden Aussichten zur Welt. Seine Schritte waren auf drei Jahrzehnte hin vorgezeichnet, die erforderlichen Mitgliedsausweise bereits vorgedruckt. Es wäre auch alles nach Plan verlaufen, wenn seine Familie nicht so übereifrig sozialistisch und er selber nicht aus Fleisch und Blut gewesen wäre. Jens Bisky hat die DDR auf ungewöhnliche Weise erlebt - in der Pionierrepublik am Werbellinsee, in Ostberliner Schwulenbars und einer sächsischen Offiziershochschule.

Über den Autor

Jens Bisky, geboren 1966 in Leipzig, studierte Kulturwissenschaften und Germanistik in Berlin. Er schrieb für die "Berliner Zeitung" und ist heute Feuilletonredakteur der "Süddeutschen Zeitung". Jens Bisky, der dem Vorstand der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft angehört, zählt zu den herausragenden Kennern Preußens hierzulande.

Auszug aus Geboren am 13. August von Jens Bisky. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

WIR PROLETARIER
Ich bin im Kommunismus groß geworden, der 1966 im Leipziger Osten zur Untermiete wohnte. Glücklicherweise lagen die zwei winzigen Zimmer im dritten Stock zum Hinterhof, sodass die Straßenbahn Nr. 22, die vor dem Haus mit landestypischem Quietschen hielt, meinen Schlaf nicht störte. Hätte sie mich geweckt, so hätte mein Geschrei die Fortschritte der Wissenschaft aufgehalten: Hier wurde gearbeitet. Weder Fernseher noch Klospülung unterbrachen den Gedankengang. Das WC befand sich eine halbe Treppe tiefer.
In meiner Vorstellung kann ich vom Gitterbett im elterlichen Schlafzimmer über die Aschenkästen auf dem Hof bis zur Rückseite der "Grünen Schenke" schauen, dem verwunschenen Ort, der sein Geheimnis nie preisgegeben hat. Als ich geboren wurde, lagerten dort Möbel; in einer besseren, längst versunkenen Zeit aber müssen vor den mit Stuck, Gold, Spiegeln und hellgrünen Arabesken schwungvoll verzierten Wänden Vorstadtpaare getanzt haben, Blicke und Küsse tauschend.
Es gab in Leipzig an allen Ecken schäbig gewordene Überbleibsel einer untergegangenen Welt, Mauerreste, verblasste Inschriften, verwitterte Passagen und Toreinfahrten, verfallende Türme in Parks. Was aus der bürgerlichen Epoche der Stadt noch stand, führte meine Phantasie in die Ferne einer unerschlossenen Vergangenheit, diente ihr als Ersatz für die fehlenden Ritterburgen. Die Gegenwart war geschäftig, frisch, frei und auf unangestrengte Weise ernst zugleich.
Meine Eltern, beide Studenten, waren ein schönes Paar: er ein etwas kurz geratener Belmondo, sie eine Lollobrigida, die es ins Sächsische verschlagen hatte, wo sie mit ihren üppig wuchernden tiefschwarzen Haaren und dem dunklen Teint als Exotin auffiel, und das mit Freude.
Welchem Film mein Vater bei der Einrichtung seines Arbeitszimmers gefolgt war, konnte ich nie herausfinden, aber ich zweifle nicht daran, dass er daheim nachstellte, was ein findiger Bühnenbildner in Cinecittà oder andernorts vorgemacht hatte. Auf dem großen Schreibtisch aus Hellerau stand eine graue Reiseschreibmaschine, die Lädierungen beim "e" und beim "y" aufwies. Wie ich heute schlug mein Vater auf die Tastatur, als gelte es, Erz aus dem Berg zu brechen. Er schrieb langsam, aber entschlossen, vergraben in einem Durcheinander aus Manuskripten, Blaupapier, dicken Bündeln des dünnen, durchscheinenden Durchschlagpapiers, umgeben von Zetteln, Textfetzen, herausgeschnittenen Sätzen oder auch längeren Abschnitten, die an irgendeiner Stelle wieder eingeklebt werden sollten. Schreiben schien, wenn mein Vater es tat, eine körperlich herausfordernde Tätigkeit. Jede Manuskriptseite wirkte durch rote, blaue, grüne Unterstreichungen, durch Randnotizen in einer für alle Zeiten unlesbaren Handschrift, durch aufgeklebte oder angeheftete Zusätze wie ein unersetzliches Original. Dennoch erfreute sich keine der Seiten besonderer Schonung, Spuren von Zigarettenasche und Abdrücke des Teeglases zierten die Blätter. Ohne eine halb volle Kanne schwarzen Tees war der Schreibtisch nicht komplett. Aufgerissene Karo-Packungen lagen neben Sicherheitszündhölzern und einem selten genutzten Pfeifenbesteck. Der silbern-schwarze Aschenbecher mit Drehknopf war stets übervoll.
Mein Vater saß keineswegs geduldig an diesem Tisch. Er lief, als hätte man ihn eingesperrt, beständig auf und ab, setzte sich kurz hin, hackte lautstark auf die gehorsamen Tasten. Ich liebte das mechanische Klingeln, das am Ende jeder Zeile ertönte, und das Ratschen des eingespannten Papiers, wenn ihm durch Hebelzug befohlen wurde, eine Zeile weiterzurücken. Die Geräuschfolge erklang zwei-, dreimal, dann sprang Vater auf, als habe ihn all das unzulässigerweise aufgehalten, und schritt wieder zügig durchs Zimmer. Der braune, gemusterte Teppich zeigte, seit ich denken konnte, eine hellere, vielleicht zwei Meter lange Laufspur in der Mitte. Von der Dissertation A zur Dissertation B zum ersten populären Buch wurde die Rennstrecke der Gedanken stetig lichter, dann löste sich das Gewebe auf.
Wann immer man mich fragt, ob ich der Sohn meines Vaters sei, sehe ich ihn so vor mir: wie er, eine Zigarette in der Hand, mit nachdenklichem Blick zwischen Schreibtisch und Bücherregal hin- und hergeht. Er war fünfundzwanzig, als ich zur Welt kam, und er war ein Habenichts, der an die Wissenschaft glaubte.
Auch meine Mutter hatte lediglich ein paar Möbel und eine nie ermattende Begeisterungsfähigkeit mit in die Ehe gebracht. Energisch organisierte sie den Alltag, um Zeit für jene Traumwelten der Ferne und Vergangenheit zu gewinnen, in die sie am liebsten eintauchte. Von der ersten Stunde an nahm sie mich dorthin mit. Ihr sanfter Blick, der immer Antwort suchte, und ihre ruhige, tiefe Stimme gaben mir das Gefühl, dass die sechs und elf Quadratmeter großen Zimmer im Leipziger Osten und der karge Spielplatz um die Ecke nicht alles waren, bestenfalls Ausgangspunkt einer abenteuerlichen Reise.
In dem aberwitzigen Glauben, dass ein guter Vers etwas ist, auf das man sich verlassen kann, hat meine Mutter mich aufwachsen lassen. Sie kannte Dutzende Volkslieder und Reime, mit denen sie mich allabendlich ins Bett schickte.
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