Kurzbeschreibung
Der Berliner Elektroniker überrascht mit Gesang, Kabelbrutzeln und Funk-Gitarren.
Direkt vorab: Vieles auf Gebirge klingt anders, als wir es von Guido Möbius kennen. Funktionieren seine ersten beiden Alben Klisten (Klangkrieg) und Dishoek (Dekorder) weitgehend unter Verzicht auf Beats und Bass, so macht Möbius auf Gebirge weidlich Gebrauch davon. Hier gibt es sie, die geraden Bassdrums, Subbässe und Handclaps auf die zwei und die vier. Es gibt allerlei Maschinenlärm als Snaredrum-Ersatz, Metallscheppern, Kabelbrutzeln und Funk-Gitarren. Außerdem hören wir Bläsersätze, die so klingen, als hätten die Insassen einer Lungenheilanstalt unter Zwang zur Trompete gegriffen. Aus diesen Elementen konstruiert Möbius spröde, knarzende Tracks, die trotz ihrer Eckigkeit den Hüftschwung provozieren. Aber Gebirge hält eine weitere Überraschung parat: Gesang. Möbius hat nämlich den Vierspurvirtuosen Andreas Gogol aka Go:Gol (a-Musik) als Leadsänger gewinnen können. Und das klingt mitunter so, als wäre die Seele des Kurt Schwitters in den Leib von James Brown gefahren.
Beatboxing, Stottern, Rappen oder doch eher ein singender Analphabet mit Sprachfehler? Es ist nicht genau einzuordnen, was der Experimentalmusiker go:gol, den Guido Möbius für "Gebirge" als Leadsänger ins Boot holte, da mit seinem Mund fabriziert. Es klingt ein wenig wie A-capella-Oral-Elektronik, was einem da entgegenblubbert. Der Albumtitel beschreibt seinen Inhalt schon ziemlich genau, denn es ist das reinste stilistische Auf und Ab: Hier wechseln sich unter klopfenden Bassdrums funkige Gitarrensounds mit rostigen Bläsern und quäkenden Maultrommeln ab. Bei Tracks wie "Niemens" oder "Gosse Overman" lässt Möbius mit gespitzten Lippen plötzlich Melodien durch seine kantigen Klangkonstrukte flattern und sorgt so für Ruhepole, um bei "Dig a Mammoth" wieder mit Geschrammel und knarzenden Synthies auf unsere Trommelfelle einzudreschen. Wer sich nicht von den ersten Takten abschrecken lässt, kann sich auf 40 interessante Minuten zum Fingerschnipsen und Kopfnicken freuen. Danach reicht's dann aber auch. (sb)