- Alles, was du aus Rache gegen einen Bruder tust, der dich beleidigt hat, wird in der Stunde des Gebetes in deinem Herzen auftauchen.-
Wenn Gedanken und Leidenschaften uns am Beten hindern, bleibt nichts anderes übrig, als das Gebet zu lassen und uns erst mit den auftauchenden Gedanken zu beschäftigen.
Die Selbsterkenntnis ist jedoch nicht Selbstzweck, sondern dient dem besseren Gebet. Durch die Selbsterkenntnis soll alles weggeräumt werden, was das Gebet stört und es zu verhindern sucht.
Die Philokalie (eine Sammlung von Schriften über das Jesusgebet) nennt das Ziel der Selbstbeobachtung ausdrücklich: Je mehr ihr die Aufmerksamkeit auf eure Gedanken richtet, desto besser könnt ihr mit einer glühenden Sehnsucht zu Jesus rufen.
Die Selbstbeobachtung ist also schon Gebet. Indem der Mensch über sich nachdenkt und seine Gedanken von Gott hinterfragen lässt, betet er.
Er soll die Gedanken beobachten, ihre Dauer wahrnehmen, ihr Nachlassen, ihre Verwicklungen und Zusammenhänge, ihre Zeiten und welche Dämonen sie bewirken. Dann: welcher Dämon welchem folgt, wer wen nicht begleitet. Und von Christus verlange er ihre Ursachen und Gründe zu erfahren. (Evagrius)
Wenn du glaubst, im Gebet über deine Sünden keine Tränen vergießen zu müssen, so bedenke, dass du dich weit von Gott entfernst. Willst du mit ihm für immer verbunden sein, so vergieße heiße Tränen. Ob du Gott fürchtest, erkennst du an den Tränen.
Im Weinen lässt der Mensch Schmerz und Leid an sich heran, in sich hinein.
Der Mensch, der unfähig ist zu leiden, wird auch unfähig, sich zu freuen. Langeweile und Leere sind die Folge. Wer dem Schmerz aus dem Weg geht, wird auch unfähig zu lieben. Denn lieben kann nur, wer sich verwunden lässt. Die Psychologie spricht von Trauerarbeit und bedauert, dass die Menschen immer unfähiger werden zu trauern. Im Trauern wird der Schmerz verarbeitet, integriert, aufgelöst und so geheilt.
Jung sagt, -Die Neurose ist stets ein Ersatz für legitimes Leiden.- Wenn der Mensch dem ihm zugemuteten Leiden aus dem Weg geht, flüchtet er sich in die Krankheit. Die Heilung kann erst beginnen, wenn er den verdrängten Schmerz, das abgelehnte Leiden zulässt.
Durch ständiges Beten wird der Mensch innerlich immun gegen Sünde und Schuld. Fehlhaltungen, die sich in ihm eingeprägt haben, werden langsam abgebaut. Diese Heilung vollzieht sich oft unmerklich, lange Zeit nicht erkennbar. Nach außen ist keine Veränderung zu sehen, doch im Innern, im Unbewussten bahnt sich eine Wandlung an. Tag für Tag pflügt der Bauer sein Feld und nichts ändert sich. Aber das gepflügte Feld bringt seine Frucht. So wächst auch in dem vom Gebet gepflügten Unbewussten für viele unbemerkt die Frucht der Verwandlung.
So sagt die Philokalie:
-Vergiss nie, dass das Gebet für sich allein nicht vollkommen ist, sondern gemeinsam mit allen Tugenden, welche gleichsam Organe der Seele sind, die unseren inneren Organismus ausmachen. Erst wenn sie bis zu einem gewissen Grade entwickelt sind, vermögen wir, im Geiste zu leben. In dem Maße, als du sie erwirbst, vervollkommnet sich auch dein Gebet. Ohne sie bringt das Gebet keine Frucht.-
Das Gebet führt nur dann zum Erfolg, wenn der Betende sein Inneres überwacht und bereit ist, gegen seine Leidenschaften anzukämpfen.
Anmerkungen:
Evagrius Ponticus, Antirrhetikon, hrsg. V. W. Frankenberg, Berlin 1917, acedia 10, philargyria 9
Das immerwährende Herzensgebet. Russische Originaltexte, zu. Gest. u. übers. V. A. Selawry, Weilheim 1976, 120, Herzensgebet 102, 199, 111,102,99f;
C.G. Jung Gesammelte Werke
Kleine Philokalie, übers. Von M. Dietz, Einsiedeln 1956