Gauß, Carl Friedrich, 1777 - 1855, Mathematiker, Astronom und Physiker.
Wer war dieser Mensch eigentlich, der sich den ganzen lieben langen Tag mit komplexer Zahlentheorie und nichteuklidischer Geometrie beschäftigte? Der zusammen mit einem Kollegen den ersten elektrischen Telegraphen konstruierte? Der als Eigenbrötler und lebensferner Kauz verschrieen war? Das herauszufinden hat sich Hubert Mania zur Aufgabe gemacht - und es ist ihm mit Bravour gelungen.
Mania legt eine Gauß-Biographie vor, die vor allem durch ihr Facettenreichtum besticht, denn der Autor handelt nicht nur die Lebensdaten seines Protagonisten ab, er füllt die Zeit zwischen diesen Ereignissen mit spannenden Schilderungen des Alltags vor 200 Jahren, und zeichnet zugleich ein lebendiges Bild aus der napoleonischen Besatzungszeit, zitiert aus Briefen, Zeitungen und Dokumenten, und lässt so quasi Zeitzeugen zu Worte kommen.
Kurioses und faktisches aus der Epoche berichtet Mania in dem flüssigen Stil, den man bereits in seinem belletristischen Werk "Scintilla Seelenfunke" findet: Nachdem Gauß mit seiner Familie von Braunschweig nach Göttingen übersiedelte, muß im neuen Wohnort "Visite gefahren" werden. "Der Herr Professor und seine Frau mieten sich eine Kutsche, fahren bei 50 bis 60 Familien vor, lassen sich durch einen mitfahrenden Botenjungen ihre Visitenkarte abgeben und müssen währenddessen vornehm im Wagen sitzen bleiben und weiterfahren, bevor sich die Gelegenheit ergeben könnte, dass jemand ihnen tatsächlich persönlich die Hände schütteln wollte. So ist es Brauch. Johannas Kommentar: "Oh der lächerlichen Menschen!"
Der Autor erzählt lebendig von Familie, Politik, Uni-Alltag, Zeitgeist und astronomischen und mathematischen Forschungen und Entdeckungen. Und da wird es für den fachlich nicht bewanderten Leser schwierig, den abstrakten gauß'schen Gedanken zu folgen. Aber diese Textstellen, für den geschichtsinteressierten Mathe-Profi ein Genuss, sind nicht überlang geraten und so gestaltet, dass sie auch für den Laien gut lesbar sind - was den professionellen Umgang des Autors mit der Fülle des Stoffes nur unterstreicht.
Hubert Mania zeichnet mit treffenden Worten ein persönliches, ganzheitliches und buntes Bild der Person Carl Friedrich Gauß und seiner Zeit, während Kehlmann in "Die Vermessung der Welt" dies nur skizzieren konnte.