Der Charakter eines Menschen prägt sein Schicksal viel mehr, als alle äußeren Umstände.
Tiefer Süden USA: Das historisch interessante Savannah ist heiß, exotisch, schwarz und magisch. Zwei deutsche Ehepaare mittleren Alters sind zu Gast in dieser Stadt. Die Männer sind rivalisierende Jugendfreunde, die sich für lange Zeit aus den Augen verloren hatten. Die Frauen, innerlich und äußerlich sehr unterschiedlich, haben sich und den jeweils anderen Partner erst anlässlich dieser Reise kennengelernt.
Drei sind hier um Ferien zu machen, einer zum Arbeiten. Der ernsthafte Hans Schumann vertritt sein Architekturbüro bei einem Symposion in Savannah, bei dem unter Umständen ein großer Auftrag an Land gezogen werden kann. Sein Chef achtet und schätzt ihn nicht, weiß jedoch die korrekte und arbeitsame Einstellung seines Adlatus gut auszunutzen.
Sehr schnell eskaliert die Situation. Der Jugendfreund ist ein Weiberheld geblieben und macht sich mit der Frau des Architekten aus dem Staub und ein paar schöne Tage. Das Fundament seiner Familie hat er schon lange zerstört; seine Frau hat sich mit seinen Eskapaden arrangiert. Entgeistert ist allerdings der Architekt, der mit wilden Spekulationen versucht, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Schließlich hat er hier eine wichtige Aufgabe zu erledigen und die wird er unter allen Umständen gut zu Ende führen. Nach dem Ende des Symposions, wenn er einen zusammenfassenden Bericht an seinen Chef gemailt hat, wird er sich auf die Suche nach seiner Frau machen... In seiner Vorstellung ist sie entführt worden und dadurch zwar in Gefahr, aber das ist erträglicher als zu glauben, dass sie wie eine läufige Hündin durchgebrannt ist.
Zunächst unwillkommene, dann aber immer wichtigere Gefährtin in den Tagen der Ungewissheit ist ihm die Ehefrau seines Freundes. Trotz ihrer Ehe, die sie etwas zynisch gemacht hat, ist Lilly lebens- und abenteuerlustig geblieben, genießt gutes Essen und ist empfänglich für die exotischen Reize der fremden, schönen Stadt. Perfekt ist sie nicht, aber auf unaufdringliche Weise patent und sehr wohl in der Lage, ihr Leben selbständig zu meistern. Der ernsthafte, moralische und gebildete Architekt zieht sie an, damit hält sie nicht hinterm Berg. Hans Schumann denkt natürlich gar nicht daran, auf ihre Avancen einzugehen - schließlich hat ER seinen Körper gut im Griff! Bedrückt aber unbeirrt geht er seinen Verpflichtungen nach und der große Auftrag, der seine Träume von der Selbständigkeit verstärkt, rückt in greifbare Nähe. Allerdings wird ihm Lilly, wie er sich nur widerstrebend eingesteht, immer wichtiger. Wie kann das sein? Seine Frau ist genau das Gegenteil von Lilly: Schlank, blond, ernsthaft und sachorientiert hatte sie das Eheleben der Schumanns bis heute doch immer gut im Griff!? Gut, sie haben keine Kinder, die ihr wohlgeordnetes Leben durcheinanderbringen könnten und Charlotte hat nach dem Studium auch nie gearbeitet, das war nicht nötig...aber ihre Beziehung ist, wahr doch gut, wenn auch.... Egal, ein Liebesverrat an Charlotte kommt nicht in Frage. Punkt.
Hans Werner Kettenbach hat vor einer traumhaften Urlaubskulisse gekonnt das Psychogramm von zwei Menschen und ihren Partnern (die wir nicht persönlich kennenlernen werden) gezeichnet, deren Ehen in die Jahre gekommen sind. Während viele andere, durchaus namhafte Autoren seines Alters (Jahrgang 1928) sich ihren langweiligen "Angstblüten", unappetitlichen, gierigen Altmännerphantasien hingeben, hat er uns mit feinem, hintergründigem Humor und tiefer Lebenserfahrung die Seelennöte zweier Betrogener, eines Mannes und einer Frau, vor Augen geführt. Vordergründig passiert in diesem Roman nicht viel (das ist auch schon die einzige Parallele zu Patricia Highsmith, deren Personen nie so sehr im realen Leben verankert sind wie diese hier), dennoch entwickelt die Geschichte einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Wie sie endet ist für einfühlsame Leser vorhersehbar. Ein Mann wie Hans Schumann kann nicht über seinen Schatten springen. Das ist ganz gut so. Lilly hat einen Besseren als ihn verdient. Und auch einen besseren als ihren eigenen Mann. Schade, dass es so viele einsame Frauen wie Lilly gibt. Sie kommen gut zurecht, aber manche Facetten ihres Wesens bleiben stumpf, statt in allen Farben zu leuchten.
Helga Kurz