Gekauft habe ich das Buch eigentlich nur, weil mich interessierte, wie Nombre de Dios in der "Piratenzeit", dem 15./16. Jahrhundert, wirklich gewesen ist - und warum es dazu so gut wie keine zeitgenössisch realitätsnahen Aufzeichnungen gibt. Nach einiger Recherche bin ich auf dieses Buch hingewiesen worden. Gesagt - gekauft.
Nachdem ich auf der Suche nach der gesuchten Stelle durch das Buch blätterte, bemerkte ich, wie ich immer wieder geradezu hineingesogen wurde in die Story - in das Leben an Bord u.a. der "Defiance", Schiff der riesigen Flotte von Francis Drake, auf seiner letzten Reise in die Karibik. So blätterte ich zurück und begann, das Buch von Seite 1 an zu lesen.
Geschrieben in Form eines Tagebuchs, befindet man sich sofort in der Welt des 16. Jahrhunderts. Der (fiktive?) Autor des Tagebuchs, Heinrich Hasebeck, gewährt dem Leser mit einem flüssigen Schreib- und Erzählstil dabei den Einblick vom unteren Rand der Gesellschaft hinein in den damaligen (Seemanns-)Alltag sowie hinauf in die darüber liegenden, hierarchischen Schichten. Dabei ist nichts zu merken von dem heutigen durchgestylten Massenprodukt der Printunterhaltung, in dem es schillernde Helden, Hoffnung und ein Happy End gibt bzw. geben muss. Von Anfang wird der Leser konfrontiert mit der Schonungslosigkeit dieser Zeit, Hunger, Krankheit, Dreck, aber auch der Arroganz der Aristokraten und dem riesigen klaffenden Loch zwischen Arm und Reich, dem "Besitztum" und Verschleiß der "Ressource" Mensch. Aus der Sicht des Heinrich Hasebeck werden dabei im Laufe des Buches viele Geschichten von Mitreisenden sowie eine erstaunliche Dichte an Detailinformationen eingeflochten - seien es gesellschaftliche, politisch-geschichtliche oder schlicht seemännische oder solche im Hinblick auf Kriegsführung - dass dem Leser gar nicht gewahr wird, daß es im Grunde genommen keinen echten Spannungsbogen gibt. Im Prinzip fiebert man von Tag zu Tag mit Heinrich mit und hofft, daß er überlebt in dieser gnadenlosen, teils ekelerregenden Welt.
Das führt mich zu den zwei Negativpunkten des Buches:
1.) es gibt keinen Spannungsbogen, keine Einleitung, Hauptteil, Schluss, ein quasi offenes Ende, was halbwegs befriedigend durch das Nachwort des Autors geschlossen wird.
2.) es gibt viele(!) Informationen, die beiläufig eingeworfen werden über zeitliche Geschehnisse, die nicht weiter erklärt werden. Wenn man hier im Bilde sein möchte, sollte man sich im Vorwege schlaugelesen haben, was in dem Zeitraum der Erzählung alles in Europa vor sich gegangen ist, insbesondere zwischen England, Frankreich und Spanien.
Unterstreichen möchte ich die Aussage meines Vorrezensenten: es ist ernüchternd, teils erschütternd, wie geradezu rücksichtslos die "Idol-Figur" Francis Drake auseinandergenommen wird. Am Ende bleibt dem Leser anstatt Bewunderung nicht viel mehr als ein Kopfschütteln übrig für den Mann, den man vor dem Lesen des Buches noch als "großen Helden der Geschichte" betitelt hat.
Und: ja, man legt tatsächlich mit gewisser Erleichterung das Buch aus der Hand ob der Erkenntnis, im 21. Jahrhundert in Europa leben zu dürfen.
Ach so, und warum man über Nombre de Dios nicht wirklich tiefgreifende Informationen findet...nun, lesen Sie selbst ;)