Das im Jahre 2007 beim Palisanderverlag erschienene Buch verdient aus mehreren Gründen an dieser Stelle ein wenig näher vorgestellt zu werden. Dies umso mehr, als gerade in den letzten Jahren eine Reihe von Architekturbüchern über die im deutschsprachigen Raum einzigartige Gartenstadt Hellerau erschienen sind.
Der auf deutsch und englisch verfasste, 168seitige Inhalt ist in neun Kapitel gegliedert, denen meist Zitate vorangestellt sind, die ein kleines Licht auf die Protagonisten und ihre Vorstellungen oder auf die Rezeption der Ideen durch Zeitzeugen werfen. Auf den verständlich geschriebenen Textteil von Clemens Galonska folgt die fotografische Dokumentation der Bauwerke durch Frank Elstner, die besondere Beachtung verdient und sich durch den kurzweilig und lebendig gehaltenen Rundgang durch Hellerau im sechsten Kapitel hervorragend erschließen lässt.
In den ersten drei Kapiteln wird der geschichtliche und gesellschaftliche Hintergrund der Entwicklung der Gartenstadt Hellerau erläutert: Von den gründerzeitlichen Arbeits- und Wohnbedingungen der Arbeiter über das 1898 bzw. 1902 vorgelegte und entwickelte Gartenstadtkonzept Ebenezer Howards (1850-1928), das von den sozialreformerischen Ideen der Dichter Walt Whitman, Ralph Waldo Emerson und Edward Bellamy inspiriert war, bis zu den tragenden Gestalten der Gartenstadt Hellerau, dem Unternehmer Carl Camillo Schmidt (1873-1948), dem Architekten und Künstler des Jugendstils Richard Riemerschmid (1868-1957) und dem Sozialreformer Wolf Dohrn (1878-1914).
Unter genossenschaftlichem Aspekt gilt die 1908 in einem Gebiet am Nordrand von Dresden gegründete Gartenstadt, wie auch die in Nürnberg, als die vorbildhafte, erste tatsächliche Umsetzung der Ideen Howards. Hiervon wird in den angenehm dezent illustrierten Kapiteln 4 und 5 berichtet.
Auf den bereits erwähnten Rundgang durch Hellerau folgt die sehr überzeugende Erläuterung des Hellerauer Festspielhauses, das der Architekt Heinrich Tessenow (1876-1950) erbaute, der im Übrigen auch den Entwurf zur 1926 errichteten Eisenbahnbrücke über die Elbe in Meißen lieferte. Auch Kultur- und Bildungsstätten sollten unverzichtbarer Bestandteil der idealen Gartenstadt sein.
In den letzten Kapiteln Hellerau heute und Rekonstruktion und Neubau Deutsche Werkstätten Hellerau werden auch die häufig unterschätzten Belange der Bau- und Kunstdenkmalpflege gestreift. An dieser Stelle wäre sicherlich eine strukturierte Erörterung mit Bezug auf Hellerau wünschenswert gewesen. Gerade die Gartenstadt bietet großes Potential für zukünftige Diskussionen über Denkmalwert bzw. Denkmalfülle einerseits und den Denkmalumgang auf der anderen Seite.
Die Berücksichtigung dieses Aspektes, aber auch zweier weiterer Punkte, würden einer möglicherweise zukünftigen Neuauflage sicher gut zu Gesicht stehen: Zum einen die Vereinnahmung der Ideen und des Konzeptes Howards durch das nationalsozialistische Regime und zum zweiten die - zumindest für meinen Geschmack - ausbaufähige Gestaltung mit aussagekräftigen Plänen und Karten.
Das Buch nimmt eine gleichberechtigte und komplementäre, wenn nicht herausragende Stellung in einer ganzen Reihe neuer Editionen zu Hellerau ein, wie etwa Hellerau. Die Gartenstadt und Künstlerkolonie von Hans-Jürgen Sarfert (1999), Claudia Begers Architekturführer (2008), der von Ralph Lindner und Hans-Peter Lühr herausgegebene Essayband zur Gartenstadt Hellerau (2008) oder Die Geschichte der Gartenstadt Hellerau von Thomas Nitschke (2009).
Es versteht sich von selbst, dass dieses sehr anregende Buch in jedem Falle einen ausgewählten Platz im Bücherregal eines jeden Architekturinteressierten verdient!