Übersicht
Damit Sie diesen Review richtig einschätzen können: Wir besitzen zwei Forerunner 610 HR, sind beide mittelmäßig sportlich aktiv, d.h. 2-3x die Woche Laufen bzw. Biken, dazu Studio in etwa demselben Umfang. Beide Geräte haben wir schon einige Zeit vor der Veröffentlichung bestellt, einen erhielten wir dann im Mai 2011, den anderen zwei Monate später. Als langjährige Polar-Nutzer (S625X, RS800, RS800CX) war unser Ziel mit dem Umstieg auf Garmin Zugang zu aktuelleren und besseren Features zu erhalten, als Polar sie derzeit bietet. Dies hat sich im großen und ganzen auch so erfüllt. Zwar hat Polar was Pulszonen angeht weiterhin etwas die Nase vorn, jedoch ist Garmin auf der technischen Seite schon vor geraumer Zeit an Polar vorbeigezogen, sei es bei der Unterstützung offener Standards, Programmierbarkeit, GPS Unterstützung und Verfügbarkeit von Zusatzsoftware. Leider ist die Qualität des Produktes völlig indiskutabel. Denn was hilft eine technisch überlegene Uhr, die nach wenigen Wochen droht auseinanderzufallen?
Technik
Hier gibt es wenig zur verlauten ' wenn Sie sich an der umfangreichen Liste an technischen Daten entlanghangeln haben Sie ein gutes und prinzipiell richtiges Bild vor Augen. Die Uhr tut im Wesentlichen was sie verspricht - wenn man mal von den üblichen Übertreibungen absieht, hier ein paar Beispiele:
Akkulaufzeit acht Stunden lt. Angabe: nun ja, bei unseren Bike Touren eher 5-6 Stunden.
GPS Fix i.d.R. unter 30 Sekunden lt. Angabe passiert unter idealen Bedingungen auch schon mal (freie Sicht nach allen Seiten, kein Standortwechsel), aber üblicherweise reden wir von 1-2 Minuten unter normalen Bedingungen, im lichten Wald und zwischen Häusern so ca. 5 Minuten. Wenn Sie unterwegs sind und nach einem Standortwechsel im Wald laufen werden Sie regelmäßig zu einem amüsant aussehenden Klon der Freiheitsstatue.
Präziser Touchscreen: kommt wohl auf die Definition an. Er funktioniert ganz ok, aber viele Kommandos muss man wiederholen. Z.B. funktioniert 'Swipe to Unlock' praktisch nie aufs erste mal, und gerne verwechselt die Uhr ob man nach links oder rechts scrollen wollte. Prinzipiell ist das Konzept sicher interessant.
Leider ist auch der Forerunner eins dieser Produkte, bei denen man nachträglich die Firmware updaten kann. Das eröffnet dem Hersteller die Möglichkeit, sein Produkt auf dem Frachtweg in die Zielmärkte fertig zu entwickeln ' und diese Möglichkeit wird auch kräftig genutzt. So synchronisierte die Uhr nach dem auspacken mit der Firmware 2.2 praktisch gar nicht ' 30'120 Minuten dauerte es, bis die Uhr (schon nach erfolgten Pairen) vom Computer erkannt wurde. Der Link zur Waage Tanita BC-1000 wollte auch nicht klappen. Dies wurde dann mit Firmware 2.3 behoben ' dummerweise unterlief Garmin bei dieser Firmware ein Programmierfehler, so das alle Daten auf der Uhr mit dem Update gelöscht wurden. Wohl dem, der dieses Update verpasst hatte, da dieser Fehler wiederum mit der Version 2.4 gelöst wurde. Nun sollte es auch möglich sein den sogenannten und intensiv beworbenen Training Effekt mit den Web-Service Garmin Connect zu synchronisieren.
Garmin Connect
Zur Synchronisierung des Training Effekts wurde dann auch Garmin Connect, der Webservice zur Uhr - aktualisiert ' danach war der Service tagelang kaum mehr wirklich erreichbar. Nach einigen Tagen wurde das Update dann zurückgezogen ' gleichzeitig waren wieder einmal sämtliche Daten verloren, die seit dem Update hochgeladen wurden. Bis heute ' über einen Monat nach dem gescheiterten Versuch des Updates durch Garmin, stehen die schon lange angekündigten Features nicht zur Verfügung.
Überhaupt ist das mit Garmin Connect so eine Sache: In der Regel fällt der Service Sonntag Nachmittag bis Abends für mehrere Stunden aus, scheinbar laufen da Wartungsarbeiten. Pulszonen lassen sich zwar eingeben, werden aber weiter nicht ausgewertet. Ziele lassen sich immer nur für die Zukunft definieren, d.h. wenn Sie am Dienstag feststellen, dass Sie Ihr Wochenziel für Montag bis Sonntag nicht eingegeben haben, so haben Sie keine Möglichkeit mehr dies nachzuholen. Wiederkehrende Ziele kennt das System nicht. Die Ziele werden auch nicht wie ursprünglich angekündigt auf die Uhr synchronisiert ' das wird wohl später per Softwareupdate nachgerüstet. Und dank intensiver Nutzung von Flash können Sie von Ihrem iPod oder iPhone nicht sinnvoll auf Garmin Connect zugreifen. Wenn Sie es dann von Ihren Rechner aus machen, dann ' und wiederum nicht nachvollziehbar ' schießt Ihre Prozessorauslastung steil nach oben (bis über 70%, unabhängig vom Browser), obwohl doch nur statische Flash-Grafiken präsentiert werden.
Qualität
Hier beginnt der wirklich traurige Teil. Was schon zu Beginn auffällt ist das Aufladesystem: Eine magnetische Klammer, die sich an die metallische Rückwand andockt. Damit sollen zwei hervorstehende Pins in zwei Löcher auf der Rückseite der Uhr gedrückt und fixiert werden. Klingt interessant, führt aber dazu, dass die Pins zunächst gegen die Rückseite der Uhr gedrückt werden und dort entlangschrammen. Im ersten Moment nur ein wenig ärgerlich, aber leider hat bei Garmin offenbar niemand daran gedacht, dass beim Sport Schweiß entsteht, und das Salz darin nun leider Gottes das Metall ' zunächst nur an diesen Stellen ' zum oxidieren bringt. Der Rost greift dann recht schnell auf die nicht zerkratzten Stellen über, gleichzeitig beginnt sich die Beschriftung abzulösen, was zu deutlichen und kaum entfernbaren Flecken auf Haut und Kleindung führt. Wie so eine Rückseite nach lediglich zwei Monaten der Nutzung Aussieht haben wir als Bild hier bei Amazon eingestellt. Alle Stellen, die gleichzeitig Kontakt zu Schweiß und Sauerstoff haben, sind stark und nicht nur oberflächlich verrostet.
Beim zweiten Forerunner waren wir vorbereitet und entsprechend sehr vorsichtig was das Laden anging, aber auch dieser beginnt bereits zu rosten.
Die Drucktasten sind mit blauen Zierringen ummantelt, die offensichtlich auch der Dichtung dienen. Leider sind diese mittlerweile nach innen ins Gehäuse gerutscht ' so heißt das Motto jetzt wohl statt 'wasserdicht' nun 'Wasser marsch'. Wohl daher ist es zu erklären, dass der 'ältere' Forerunner (etwas über drei Monate in Benutzung) nun beim Laden nach einigen Minuten bei Zimmertemperatur nun eine Fehlermeldung ausgibt, dass weiteres Laden aufgrund der hohen Umgebungstemperatur nicht möglich sei.
Nach nicht einmal einem Monat bildeten sich die ersten Laufmaschen im Pulsband, mittlerweile ist es schon ordentlich in Mitleidenschaft gezogen, siehe Bilder. Hierzu sind einige der Reviews hier bei Amazon direkt beim Pulsband lesenswert, so ca. 6 Monate scheint so ein Band wohl durchzuhalten. Das Band gibt es natürlich nicht separat zu kaufen, hier muss man jeweils den Pulssensor mit erwerben (rund 50 EUR). Das wirkliche Problem mit dem Pulsband hat jedoch meine Frau: unter den Sport BH wird die Haut bei Bewegung zwischen Band und Sensor eingequetscht, nach knapp 60 Minuten Laufen bilden sich dann deutliche und schmerzhaft Wunden. Beim Polar Sensor sind die entsprechenden stellen abgerundet, damit so etwas nicht passiert. Tipp hierzu: die Garmin Sensoren sind Anschlusskompatibel mit dem Polar Wearlink-Bändern, die es auch als Ersatzteil gibt und bei uns in der Vergangenheit jahrelang gehalten haben. Die Kombination aus Garmin Sensor und Polar Band scheint wohl bei vielen zu funktionieren (bei meiner Frau ja, bei mir leider Gottes nicht).
Apropos meine Frau: Für schmale Handgelenke ist die Uhr problematisch. Dann muss man Sie wegen Ihres größeren Umfangs fester zumachen (ein Teil dessen, was wie der Beginn des Bandes ausschaut, ist tatsächlich Teil des Uhrengehäuses). Eigentlich kein Problem, nur rutscht dann gerne das Band vom Uhrengehäuse ab und sie landet im besten Fall im Gras. Wie das aussieht (das Band natürlich) ist ebenfalls als Bild hinterlegt.
Service
Der Service dazu ist dann der traurige Abschluss. Fast zehn eMail-Zyklen waren notwendig, um auch nur eine 'Erlaubnis' zu Rücksendung zu erhalten ' der Vorgang dauerte wegen der langen Wartezeiten fast zwei Monate. Immer wieder erhält man wahllose Textbausteine anstatt der Antworten zu den gestellten Fragen, z.B. die Bitte zur Übersendung der Seriennummer, die man schon zu Beginn obgligatorischerweise in ein Formular eintragen musste. Um an die Seriennummer heranzukommen solle man das Batteriefach entfernen. Dummerweise verfügt der Forerunner über eine fest verbaute Batterie... Zwischendurch verweigerte Garmin gar zwei mal komplett, den Garantiefall zu bearbeiten.
Summa summarum: Schade drum. Der Forerunner 610 hätte das Zeug zum Top Gerät, nur scheitert es sowohl an der schlechtem Firm- und Software, aber voll allem an der unglaublichen schlechten Qualität von Produkt und Service. Das ist um so weniger verständlich, als dass die Fehler so schnell auftreten und völlig offensichtlich sind. Man fragt sich wirklich, ob die Leute, die das Produkt entwickeln und supporten, es selbst auch nur im geringsten Maße selbst benutzen.