Originaltitel: 1860
Produktionsland: Italien
Premiere: 1934
Mit: Giuseppe Gulino, Aida Bellia u. A.
Regie: Alessandro Blasetti
Bild: SW / sehr gut
Sprache: Italienisch / stellenweise Deutsch seitens österreichischer Militärs
Disk 1: Version eins (74 Minuten)
Disk 2: Version zwei (ca. 68 Minuten)
Den Hintergrund des Filmes bildet die Invasion Siziliens seitens Garibaldis und seiner 1000 Mann, wo er sich 1860 mit sizilianischen Volksaufständischen verbündete. Erzählt wird die Geschichte eines einfachen, als Kurier fungierenden Mannes. Im Finale kommt es zur entscheidenden Schlacht, wo es auf beiden Seiten große Verluste gibt. Davor wird eine aufständische Gruppe gefangengenommen und mehrere Personen zum Tode verurteilt, weil sie standhaft bleiben und nichts verraten.
Schön ist die liebevoll gestaltete Darstellung des bodenständigen Volkes und seiner Umgebung. Die Gesichter sind erdverbunden und glaubwürdig. Das Wechselspiel der Menschenbewegungen, Gesichter und Ereignisse einerseits und der Landschaftsbilder andererseits zeugt von inszenatorischem Talent. Dort jedoch, wo die Protagonisten zum patriotischen Reden anheben, wird es problematisch, überhöht pathetisch und schwulstig. Alle ohne Ausnahme wetteifern miteinander in triumphaler Gestik und Rede. Und am Ende gibt es ein Scharmützel zu sehen von haarsträubenden strategischen Fehlern. Beiderseits eines schmalen Grabens stehen sich auf den Hügelflanken die beiden Armeen gegenüber. Der Feind marschiert hinunter zum Graben hin und wird seitens des harten Beschusses der Aufständischen zum Rückzug gezwungen. Dabei sind die Aufständischen ohne jegliche Deckung postiert und erleiden somit unötige Verluste. Als sie den Feind zurückschlagen, rennen sie Attacke den Graben hinunter und den gegenüberliegenden Hang hinan, wo sie von neuformierten Salven des Feindes erwartet werden. Das Scharmützel erscheint in diesem Sinne äußerst plump und unrealistisch, die Aufständischen fallen wie die Fliegen, und es fällt einem sehr schwer, angesichts solcher leichtsinniger Selbstverschwendung Betroffenheit zu gewinnen. Die Statisten mit ihren Bajonetten und Säbeln gefährden sich im Laufen und Fallen eher selbst als den Feind.
Unverkennbar vermittelt der Film von 1934 die Ur-Merkmale des Neorealismus mitsamt dem absichtlichen, laienhaften Spiel der Protagonisten. Wenn aber Laien Historie darstellen, wird es höchst problematisch und im Bilde farblos. Ein Film mit Laiendarstellern erreicht daher kaum den Nerv der historischen Begebenheit, welche er nachstellt. Ein Beispiel weit überzogener Laienspielerei sind Passolinis historische Filme, wie Das erste Evangelium - Matthäus oder Decameron. Rosselinis Franziskus der Gaukler Gottes tut sich darum leichter, weil es der schlichte Charakter Franz von Assisis und seiner Mönche zulässt. Seine Geschichte erzählt sich gleichsam von selbst als eine Art christliches reales Märchen. Bei äußerlich pompösen historischen Ereignissen lässt sich das so nicht mehr vermitteln. Da wirkt das Laienhafte einfach nur penätrant. Aus diesem Grund ist der Neorealismus begabt Gegenwart zu reflektieren, nicht Vergangenheit, was er genug oft bewies.
Von daher erscheint 1860 wertvoll im Sinne der Filmgeschichte und einiger filmischer Qualitäten, jedoch nicht im Sinne der neorealistischen Umsetzung, sowie historischen Authentizität.
Der Film ist technisch hervorragend, das Schwarzweiß-Bild ausgezeichnet für seine Zeit und die Kameraführung sehr gut. Für eine dramaturgisch und mimisch zufriedenstellende Wiedergabe jedoch reichte die Fähigkeit des Regisseurs nicht aus.