Bevor Sie diese Rezension weiterlesen, sollten Sie wissen, dass ich diese CD noch nicht sehr oft gehört habe und sie vielmehr einen zweieinhalb-ten Eindruck beschreibt, als eine detaillierte Rezension darstellt. Und vorab: Die CD ist es wert; kaufen oder zumindest irgendwo ausleihen und oft hören!
Aber eine so idiotische 1-Stern-Rezension (Produktseite der Limited Edition mit DVD) kann ich nicht auf mir und will ich nicht auf Calexico sitzen lassen.
Sie ist so lang, weil sie so lang sein muss, und geht auf Calexicos Geschichte zurück, weil Garden Ruin in zwar nicht gleichwertiger Balance in die Vergangenheit blickt, wie sie ihren Schwerpunkt auf die ungewisse Zukunft setzt, aber doch genug Hommage an die bisherigen Calexico bietet, um nicht nur als vollwertiges, sondern vielleicht sogar als bestes Calexico-Album bezeichnet zu werden.
Eine kurze Geschichte zu Calexico aus meiner Perspektive: Irgendwann kamen sie über meinen Bruder (der qualitativ wie quantitativ den höchsten Input in den musikalischen Teil meines Gehirns darstellet) in mein Ohrwurmzentrum, etwa zu der Zeit, in der ich mich von handelsüblicher Kiffermucke distanzieren wollte. Und siehe da, entspannender, origineller, teils psychedelisch anmutender (gewisse Substanzen? Ähem, ich doch nicht.), aber immer verdammt guter Country-artiger Rock, der einem Leone-Western hätte entstammen können. Damals also ideale musikalische Untermalung für mein Kino hinter geschlossenen Augen (etwaige Inhalte meiner Blutbahn überlasse ich ihrer Phantasie).
Irgendwann habe ich mich tiefergehend mit Calexico beschäftigt, mir große Teile ihrer Discographie zugelegt (inklusiver genialer Live-DVD) und sie Lieben gelernt. Als ich Garden Ruin das erste Mal in einem Elektronikmarkt probegehört habe, war ich mehr als enttäuscht. Ich habe in ein paar Lieder reingehört, mir keine Zeit genommen und zu schnell weitergeskippt. Großer Fehler. Garden Ruin ist wie guter Wein (bzw. gutes Bier ...). Man muss ihn reifen lassen, genüsslich konsumieren und darf sich vom zuerst vielleicht obskur anmutendem Bei-/Nachgeschmack nicht irritieren lassen, sondern muss auf ihn eingehen. Denn dann erkennt man seine wahre Stärke:
Garden Ruin ist Weiterentwicklung. Progressiv. Progressive Rock. Progressiver vielleicht als The Mars Volta, während sie mit Tool schlafen und im Hintergrund Pink Floyd läuft. Denn was ist schlimmer, als ein drittes Album (das angeblich schwierigste einer angehenden Bandgeschichte), das fast genauso klingt, wie die zwei erfolgreichen Vorgänger? Genau, ein viertes!
Calexico können stolz auf ihre lange Vergangenheit zurückblicken, denn sie haben großartiges geschaffen. Und manche mag es verwundern, und viele mag es abschrecken, und noch mehr mögen es nicht mögen, dass man jetzt in Calexico-Liedern diese Indie-E-Gitarren hört, die bei anderen Indie/Alternative/Postrock-Bands die Wall of Sound, den Klangteppich, oder wie auch immer man es bezeichen mag, verfeinern und im orgastischen Höhepunkt vollenden und das ganze in ein fulminantes Feuerwerk ausufern lassen – alles drei war zuerst bei mir der Fall, doch jetzt bin ich verliebt. In meiner persönlichen Vorstellung vom Begriff Postrock hat das neue Calexico-Album einen Ehrenplatz für Originalität. Und wenn ich im Rahmen dieser Rezension nicht (viel) auf einzelne Lieder eingehe, dann hat das einen Grund: Macht euch eure eigenen Gedanken. (Und: ich hab’s noch nicht oft genug gehört, um einzelne Lieder herauszukristallisieren oder gar bestimmten Melodien zuzuordnen. Aber auch das mit den eigenen Gedanken.)
Wer unbedingt Anspieltipps brauch: Letter to Bowie Knife (Poppig, Upbeat, Alternative Sommerhymne?), Deep Down (das Ende: Wow!), All Systems Red (Solche Aggressionen bei einer sonst so ruhigen Band kann nur ein Mensch der Welt hervorrufen: Bush junior. Außerdem ein grandioses Finale für dieses grandiose Album).
Calexico ist wie Sex, Das Erste Mal ist vielleicht enttäuschend, doch dann wird es zur schönsten Sache der Welt. Also, gebt dem neuen Album Zeit, habt keine Vorurteile, tretet ein in die Ruine im Garten und legt euch ins Gras. Das legale mit dem Ungeziefer drauf.
In einem Satz:
Calexico haben viel hinter sich, aber noch mehr vor sich. Ich möchte gerne ein Teil davon sein.
Das waren zwei Sätze. Egal.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.