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Die beiden Musiker aus Tucson / Arizona haben mittlerweile Giant Sand verlassen und die neuen zeitlichen Freiräume genutzt. Sie arbeiteten, spielten oder tourten mit Wilco, Iron & Wine, Nancy Sinatra, Nicolai Dunger, Neko Case oder dem Gotan Project, tauchen in Collateral, dem Film von Michael Mann, auf. Dann waren da immer wieder politische Gespräche mit Fans in Europa. So etwas hinterlässt Eindrücke wie Einflüsse. Gepaart mit der nicht neuen Erkenntnis, dass man ja älter und (hoffentlicht) erfahrener wird, dass eine Band im Stillstand bald eine tote Band ist, haben Calexico Justierungen vorgenommen.
Im welt- und genreumspannenden Klang-Cosmos mit seinen bekannten und immer wieder genannten Elementen aus Fado, Chansons, Italo-Western, Jazz, Gypsy-Musik, mexikanische Bläser, Folk oder Country war noch immer Platz für Neulinge und Erneuerungen. So gibt es jetzt mit JG Foster einen Produzenten, kein Track ist ein Instrumental, die Mariachis und Streicher mussten etwas Raum an Backing-Gesang abtreten. Durch mehr Pop-und Rock-Elemente sind viele Songs griffiger, melodiöser und flüssiger geworden. Für alle Stimmungslagen haben Calexico wieder etwas parat: Panic Open String oder Yours And Mine für die Melancholiker, Smash für die Träumer, Letter To Bowie Knife, Deep Down und das grandiose All Systems Red für die Liebhaber härterer Kost.
Parallel zur Veränderung in den Arrangements haben Calexico, die Re-Inkarnation der sensationellen Gruppe Love, auch inhaltlich zugelegt und die politischen Gedanken und Emotionen im Entstehungsprozess von Garden Ruin in die Texte einfließen lassen. So thematisiert Cruel Umweltzerstörung und in dem finalen All System Red attackieren Calexico mit so nicht gekannter Wut einen nicht gerade beliebten US-Präsidenten. Ohne ihn wäre die Welt zwar um einige Probleme ärmer, dafür ist die Pop-Kultur - welch schwacher Trost - um etliche Songs reicher geworden. Jetzt hat er schon Calexico gegen sich aufgebracht und sie zur Hochform getrieben. Der Mann versteht es, sich namhafte Feinde zu machen. --Sven Niechziol
Stattdessen: Große Songs, so konzentriert und "auf den Punkt" gespielt wie noch nie in der zehnjährigen Band-Geschichte. Ein Joey Burns, der als Sänger besser ist als je zuvor (das deutete sich ja schon auf "Feast of wire" und den letzten Tourneen an). Akustik- und E-Gitarren, die über den bisher viel bescheideneren Beitrag zum Gesamtbild Calexicos weit hinausgehen - teils zart-melodisch, teils episch ausgreifend (Neil Young lässt bei "Deep down" und "All systems red" grüßen).
Man kann die Konsequenz von Burns/Convertino und ihren Mitstreitern nur bewundern, trotz der stetig zunehmenden Popularität als TexMex-Mariachi-Folkrock-Band nochmal den Kurs zu ändern. Dass sie sich nicht zu einer munteren Party-Kapelle degradieren lassen, was beim vierten Album mit ähnlicher Richtung gedroht hätte.
Stattdessen bietet "Garden ruin" (neu sind übrigens auch der Cover-Künstler und der Produzent J.D. Foster) edel gewirkte Americana-Balladen (wunderschön: "Yours and mine", "Smash"), lupenreinen Pop ("Bisbee blue"), das wie ein Steely-Dan-Song federnde Westcoast-Highlight "Lucky dime", Chansoneskes ("Nom de plume") oder die schon genannten Rocker mit fantastischer Gitarren-Wucht am Schluss. Dem alten Sound am nächsten kommt noch "Roka" mit seinen feinen Bläsersätzen.
Die Texte sind auf gewohnt hohem Niveau, angesichts der tiefen Verachtung für die US-Politik von George Bush jedoch noch etwas wütender als früher. Vielleicht dachten Calexico ja auch, dass bittere Wahrheiten eher in ruhigen Songs als in ausgelassener Fiesta-Atmosphäre präsentiert werden sollten, und schalteten deswegen ein, zwei Gänge zurück.
Die neue Calexico-CD überwältigt womöglich nicht schon beim ersten Mal (mir ging es beim ersten Hören meines Vorab-Exemplars nicht anders). Aber dann entdeckt man immer mehr Fein- und Schönheiten, verneigt sich vor dem Einfallsreichtum, der Virtuosität und dem Mut dieser großartigen Gruppe. Und bald weiß man, dass "Garden ruin" ein mehr als würdiger Nachfolger für das epochale "Feast of wire" geworden ist. Hut ab vor der zur Zeit wohl besten Rockband der Welt!
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