Bücher über Hochbegabte, den richtigen Umgang mit ihnen, und besonders die Aufzucht, Hege und Pflege jüngerer Exemplare gibt es inzwischen wie Sand am Meer - zum Glück. Aus der Fülle besserer Bücher zum Thema ragen die von Andrea Brackmann heraus: Die Autorin sieht (intellektuelle) Hochbegabung nicht als Besitz eines oder mehrerer mehr oder minder putziger Talente, sondern als etwas, das das Leben der Betroffenen einschneidend beeinflusst. Wer geistig sehr schnell zu Fuß ist, ist es immer und überall - mit allen Konsequenzen fürs soziale Miteinander und fürs Gefühlsleben.
Komischerweise gibt es trotzdem nur wenige Bücher, die ausdrücklich FÜR Hochbegabte geschrieben sind - und noch wenige, die etwas taugen. Brackmanns neues Buch gehört definitiv zu dieser Gruppe: Aus ihrer Beratungspraxis hat sie zahlreiche Fälle, Lebensberichte, Beispiele zusammengetragen, klug kommentiert und das jeweils typische herausgestrichen. Das ist nicht so einfach, dennoch, trotz aller Unterschiede zwischen hochbegabten Persönlichkeiten deckt Andrea Brackmann vieles Gemeinsames auf: Das Unverstandenfühlen, die Übersensibilität, die Unsicherheit und das Sich-selbst-gar-nicht-so-ungewöhnlich-Fühlen. Es wird klar: Hochbegabung an sich ist kein Problem, das Leben in einer Welt von Normalbegabten dagegen bringt Probleme mit sich.
Warum können andere sich mit solcher Leichtigkeit Routineaufgaben widmen? Warum sind sie oft so langsam und sehen Offenkundiges nicht? Wie können sie sich im furchtbar öden Karneval so prächtig amüsieren? Weshalb sind Diskussionen mit ihnen oft so fruchtlos und von sozialem Hickhack geprägt? Vielen Hochbegabten sind "die anderen" ebenso rätselhaft und unverständlich wie sie mit ihren Ideen und Schrullen umgekehrt anderen vorkommen.
Das um so mehr, als dass viele erwachsene Hochbegabte - die überwiegende Mehrheit der so etwa 2 Millionen Betroffenen in Deutschland übrigens - nie einen IQ-Test gemacht haben, nichts über ihre Hochbegabung wissen und sich selbst als ganz normale Menschen mit einigen unerklärlichen Stärken und Schwächen sehen.
Wer selbst hochbegabt ist, oder mit einem oder mehreren Hochbegabten zu tun hat, ob privat oder beruflich - hat mit Andrea Brackmanns Buch eine hervorragende Sammlung von Innenperspektiven anderer Hochbegabter. Die Autorin destilliert aus den Erfahrungen das allgemeine heraus, verständlich und nachvollziehbar, ohne den Leser zu bevormunden oder alle Leser über einen Kamm scheren zu wollen. Wer bisher mit dem Thema nichts zu tun hatte, wird mit dem vielen Grundsätzlichen, was die Psychologin Brackmann zum Thema zu schreiben weiß, viel anfangen können.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Hochbegabt sein ist ziemlich normal, man muss halt nur damit und mit der Tatsache, dass man damit (definitionsgemäß) in einer kleinen Minderheit ist, umzugehen lernen - mit seinen Stärken und Schwächen, wie jeder Mensch halt. Dabei hilft Andrea Brackmanns Buch ganz außerordentlich.
Wer danach weiter ins Thema einsteigen will, speziell als Beratender, sollte neben "Hochbegabt und hoch sensibel" von derselben Autorin auch einmal Aiga Stapfs "Hochbegabte Kinder" ansehen: Darin findet man auch den aktuellen Forschungsstand zum Thema übersichtlich und verständlich dargestellt.