Mit dem "Film Noir" ist es wie mit dem Fußball - alles ist derselbe Sport, aber nicht alles spielt auf demselben Level. "Chinatown" und "L.A. Confidential" sind Filme auf Champions League-Niveau - absolute Edelprodukte, die zum Besten gehören, was Hollywood je herausgebracht hat. Dann gibt es den guten Bundesliga-Durchschnitt wie z.B. "The Untouchables" oder "Mulholland Falls". "Gangster Squad" ist nichts von alledem. Zwei "Mannschaften", gespickt mit Stars, spielen auf edlem Rasen und bringen doch nicht mehr zustande als eine wüste Klopperei auf Kreisliga-Niveau. Es ist ein Jammer.
Ruben Fleischers "Gangster Squad" beruht angeblich, so verspricht es die Werbung, auf wahren Gegebenheiten. Naja, den Gangster Mickey Cohen hat es wirklich gegeben. Und Los Angeles ist eine Stadt in Kalifornien. Hmm ... noch was? - Ja, es gab eine "Gangster Squad", die aber mit der gewaltgeilen Ballertruppe aus dem Film nichts zu tun hatte. Der wirkliche John O'Mara, der nach eigener Aussage in seinem ganzen Leben nur einmal einen Schuss abgefeuert hat - der zudem nur ein Warnschuss gewesen sein soll - wird im Film von Josh Brolin als schießwütiger Prügelbulle gespielt, dem das Testosteron aus dem Mundwinkel tropft und dem in einer Szene sogar die eigene Ehefrau bescheinigt, dass er's mit dem Denken nicht so hat, wenn es drauf ankommt. Das gleiche könnte man über den ganzen Film sagen. "Gangster Squad" hat mit "L.A. Confidential" jedenfalls so viel zu tun wie Steven Seagal mit Shakespeare.
Übrigens: Der reale Mickey Cohen wurde wegen Steuerhinterziehung verhaftet. Hab ich da im Film was verpasst? ...
"Chinatown" und "L.A. Confidential" gelten nicht nur wegen ihrer edlen Optik, der lässigen Atmosphäre und der guten Schauspieler als Referenz ihres Genres, sondern vor allem wegen ihres Drehbuchs. Die Verhaltensweisen jedes Charakters sind bis ins Kleinste ausgefeilt - bei "L.A. Confidential" bildet die Entwicklung der drei Hauptfiguren ja das eigentliche Zentrum der Geschichte. Russell Crowe, der das Geld, das er in der Brieftasche eines ermordeten Gangster findet, ohne viel Papierkram der Mutter eines Mordopfers in die Hand drückt und die Leiche liegen lässt; Guy Pearces Entwicklung vom Streber, neben dem bei der Dienstbesprechung keiner sitzen will, hin zum gereiften, mutigen Helden; Kevin Spacey alias "Hollywood Jack", der so unmotiviert auf seinem Schreibtischstuhl rumhängt, dass er sich beim Telefonieren nicht mal den Hörer richtig an die Wange hält - das sind die kleinen Feinheiten, auf die es ankommt.
Was davon finden wir in "Gangster Squad"? So gut wie nichts. Hier werden die Charaktere am Anfang des Films sorgfältig zusammengesucht - schön politisch korrekt sind ein Italiener, ein Schwarzer und ein Latino dabei -, aber dann weiß das Drehbuch nicht mehr so richtig, was es mit den Figuren anfangen soll. Dass die Ehefrau des Anführers die Kandidaten zusammensucht, ist eigentlich ein netter Einfall. Aber das ist auch so etwas, was einfach nicht weiterverarbeitet wird. Dass der von Michael Pena gespielte Charakter als einziger einfach so auftaucht und sich der Gruppe anschließt, schreit geradezu danach, dass man über diese Person mehr erfährt: warum dackelt er Robert Patrick hinterher? Warum will er gegen Mickey Cohen kämpfen? Welche Stärken bringt er in die Gruppe ein? Ändert sich das Verhältnis zwischen dem alten Haudegen Patrick und dem jungen Idealisten Pena? Über nichts von alledem macht sich das Drehbuch Gedanken.
Die Schauspielerleistungen sind sehr wechselhaft. Josh Brolin walzt in zweifelhafter Selbstjustiz und mit Charles-Bronson-Gedächtnis-Visage alles platt, was sich ihm in den Weg stellt. Zivile Opfer werden mit einem Schulterzucken abgetan: "Im Krieg gibt es eben Opfer". Ist das noch derselbe Schauspieler, der durch seine Verkörperung von George W. Bush zum Star aufstieg und den Irak-Krieg und dessen Folgen anklagte?
Sean Penn hat einige eindrucksvolle Szenen, doch in anderen spielt er Mickey Cohen seltsam überdreht am Rande zur Karikatur. Das clownhafte Makeup schwächt diesen Effekt nicht gerade ab. Ryan Gosling spielt zwar supercool, aber ebenfalls nicht auf konstantem Niveau. Die geckenhaft-affektierte Stimmführung, die einem in den ersten Szenen auffällt, hält er (zum Glück) nicht lange durch. Seine Beziehung mit Mickey Cohens Tussi ist so unglaubwürdig wie uninteressant.
Giovanni Ribisis Charakter entwickelt trotz seines etwas stereotypen Grundmusters (Katalog-Typ: grübelnder Tüftler) noch am meisten Profil. Zu schade, dass er diese übliche verlogene "Ach-Gewalt-ist-schon-was-Schlimmes"-Phrasen ablassen muss, mit denen sich der Film das moralische Gütesiegel abholt und sich die Altersfreigabe verschafft. Wenn die Alibi-Szene endlich vorbei ist, wird der Schwächling entsorgt und man kann weiter mit Bohrmaschinen die Schädeldecken knacken lassen.
Der dritte große Schwachpunkt neben den langweiligen, unausgearbeiteten Charakteren und der grenzdebilen Gewalt ist der fast vollständige Mangel an Logik. Ein paar Beispiele: Josh Brolin steht fünf Meter neben einem explodierenden Lastwagen und trägt außer vielleicht einem dekorativen Kratzer auf der Backe keine Schramme davon. Ryan Gosling schlendert gemächlich aufrecht und ohne Deckung auf einen Gangster zu, der magazinweise mit einer Maschinenpistole auf ihn feuert - wieder kein Kratzer. Mickey Cohen schart zwar haufenweise böse Jungs um sich herum, aber man kann trotzdem mal eben nachts unbemerkt seine Wohnung verwanzen. Wobei die ganze Bewachung eh nichts bringt, denn die Gangster Squad würde ja fröhlich um sich ballernd selbst in Fort Knox einfach mal kurz rein- und rausspazieren. Wenn ich sowas sehen will, schaue ich mir alte Rambo-Filme an. Sylvester Stallone konnte wenigstens noch ganz alleine die sowjetische Armee umzingeln.
Fazit: Reichlich überzogenes Action-Geballer ohne Tiefgang, das möglicherweise als Konsolen-Shooter auf der XBox einiges hergemacht hätte. Unglücklicherweise will sich der Film aber offenbar - wie anhand der schwergewichtigen Besetzung vermutet werden kann - auf der Kinoleinwand mit einigen ganz großen Vertretern seines Genres messen. Da muss man sagen: Kolossal gescheitert. DIE Enttäuschung des Filmjahres 2013. Wer diesen Film ernsthaft mit "L.A. Confidential" oder "Chinatown" vergleicht, hat diese beiden Filme vermutlich längere Zeit schon nicht mehr gesehen.