(Vorsicht, Spoiler!)
In Whisky veritas, sollte man meinen, denn auch wenn dieses Urteil der alkoholsüchtigen Sängerin Gaye Dawn (Claire Trevor) ziemlich engherzig klingt - in der Welt von John Hustons "Key Largo" (1948), auf die der gerade ausgefochtene Zweite Weltkrieg noch seine Schatten von verlorenem Leben und verlorenem Glauben wirft, scheint dies ein kluger Grundsatz zu sein.
Als der ehemalige Offizier Frank McCloud (Humphrey Bogart) auf die Insel Key Largo kommt, um dem alten Mr. Temple (Lionel Barrymore) und seiner Schwiegertochter Nora (Lauren Bacall) die genaueren Umstände mitzuteilen, unter denen Temples einziger Sohn seinen Heldentod bei Monte Cassino gestorben ist, ahnt er noch nicht, daß die fünf Männer, die sich außerhalb der Saison in Temples Hotel niedergelassen haben, gefährliche Gangster sind. Niemand Geringeres als der gefürchtete Johnny Rocco (Edward G. Robinson) - zweifellos Al Capone nachempfunden -, der während der Prohibition ein Imperium aus Verbrechen und Korruption aufgebaut hatte, schließlich aber als Staatsfeind des Landes verwiesen wurde, plant hier seine Rückkehr in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mit einem Falschgelddeal möchte er sich wieder ins Geschäft bringen, doch kommen ihm nun McCloud sowie ein junger Polizist in die Quere, so daß er seine Maske fallen lassen und die Temples mit McCloud und dem Deputy als Geiseln nehmen muß. Zu allem Überfluß bringt ihn ein Hurrikan auch noch um die Yacht, mit der er wieder nach Cuba fliehen wollte, und so zwingt er den seekundigen McCloud, ihn und seine Spießgesellen außer Landes zu bringen. Da dem Helden klar ist, daß die Gangster ihn kaum lebend nach Key Largo zurückkehren lassen, erscheint die von Miss Dawn formulierte Alternative nun plötzlich auf den Kopf gestellt.
"Key Largo" ist einer jener Filme, die hinter einer spannenden Geschichte auf dringliche Probleme ihrer Zeit hinweisen wollen, und dies auch sehr eindringlich, mitunter ein wenig zu dialoglastig tun. Damit ist nicht etwa gemeint, der Film sei ein nur schwer verdauliches Schlafmittel, doch die Bereitwilligkeit, mit der die Gangster sich in Worten ergehen und beispielsweise über ihre Fehler während der Prohibition reden, wirkt ein wenig unglaubwürdig. Und dennoch wird dieser kleine Schönheitsfehler durch den konsequent verfolgten Spannungsaufbau, durch die dramatische Entwicklung des Helden und seiner sich ändernden Beziehung zu der verwitweten Mrs. Temple sowie durch herausragende schauspielerische Leistungen aller Beteiligten mehr als wettgemacht. Humphrey Bogart etwa zeigt auf beeindruckende Weise, wie man mit minimalistischen Mitteln tiefe Gefühle ausdrücken kann - man beachte nur seinen Gesichtsausdruck, als der Deputy erschossen wird -, und Edward G. Robinson überzeugt als großmäuliger, letztlich aber feiger Gangstertyrann. Wenn ich hier anfinge, über Lauren Bacall zu schreiben, würde ich wohl kurzerhand in Lyrik ausbrechen und mich nebenher vergeblich fragen, in welchem ihrer Filme sie eigentlich am schönsten gewesen ist. Eine schauspielerische Glanzleistung besonderer Art liefert freilich auch Claire Trevor, deren Gaye Dawn hier, um einen Drink zu bekommen, zur Belustigung ihres ehemaligen Geliebten Rocco a cappella "Moanin' Low" singt, in dem eine Frau ihre verzweifelte Liebe zu einem Mann ausdrückt, der sie schlecht behandelt. Wie die Trevor hier mehr und mehr off-key gerät, als ihre Figur begreift, daß sie hier ihr eigenes Leben besingt, und wie Bogart ihr danach den Drink gibt, den Robinson ihr vorenthalten will - all das schnürt einem schon das Herz zu. Wen wundert es da, daß Claire Trevor hier einen Oscar als beste Nebendarstellerin erhielt.
Im Grunde spiegelt "Key Largo", an der Grenze zwischen Gangsterfilm und Film noir, das Bild der amerikanischen Gesellschaft und den Verfall der Werte wider, die die Gesellschaft zusammengehalten haben. Johnny Rocco ist ein Gangster, der längst nicht nur mehr in der Welt des Verbrechens zu Hause ist, sondern sich auch in Wirtschaft und Politik eingerichtet und dazu beigetragen hat, daß sich die Grenzen zwischen diesen Bereichen aufgelöst haben. Freimütig und nicht ohne Stolz legt er dar, welch einen Einfluß das organisierte Verbrechen auf den Staat bekommen hat: "Let me tell you about Florida politicians: I make them, I make them out of a whole cloth, just like a tailor makes a suit. I get their name in the newspaper. I get them some publicity and I get their name on the ballot. Then, after the election, we count the votes, and if they don't turn out right, we recount them again until they do." Auf der anderen Seite gibt den alten Temple, einen Vertreter der traditionellen Anschauungen von Ehre und Anstand, doch wenn er auch noch voller Kampfgeist ist, so ist er doch an den Rollstuhl gefesselt und zur Untätigkeit verdammt [1]. Der Pessimismus eines solchen Blicks auf die amerikanische Gesellschaft liegt auf der Hand: Diejenigen, die noch von Idealen beseelt sind, sind unfähig, diese in Realität umzusetzen, während ringsherum Roheit und Korruption gedeihen. McCloud, dem Soldaten, der noch vor kurzem den Amerikanischen Traum gegen die verbrecherische Ideologie des Nationalsozialismus verteidigt hat, kommt in diesem Spannungsfeld eine besondere Bedeutung zu. Doch scheinbar ist er des Kämpfens müde und hat seinen Glauben an die Möglichkeit, die Gesellschaft zu verbessern, gänzlich verloren. Zu Beginn des Filmes verrät er in einem Gespräch mit Nora, daß er nicht in das Leben zurückkehren wolle, das er vor dem Krieg geführt habe, und statt dessen lieber auf einer der Inseln bleiben würde. Eine Insel scheint er auch zu sein, als er sich weigert, sich auf ein Pistolenduell mit Rocco einzulassen und zu seiner Rechtfertigung sagt: "One Rocco more or less isn't worth dying for." Daß er diese zynische Selbstbezogenheit indes nicht durchhalten kann, zeigt sich schon kurze Zeit später in seinem Verhalten gegenüber Gaye Dawn.
Ob er nun letztlich für sein eigenes Überleben - das durch die Aussicht auf ein Leben an der Seite Noras durchaus an Attraktivität gewonnen hat - oder aber für die Aussicht, der Gesellschaft einen Rocco zu ersparen, den Kampf aufnimmt, sei einmal dahingestellt. Eine recht aufschlußreiche Demaskierung des Gangstermythos findet aber dadurch statt, daß sich Rocco eben nicht als der entschlossene und mutige Gegner erweist, sondern mit erbärmlicher Verhandlungsbereitschaft reagiert, als er sich in die Enge getrieben weiß. Es scheint, als hätten hier nicht nur die Politiker und Spekulanten vom Gangster gelernt, sondern auch der Gangster von ihnen.
[1] Zu jener Zeit war Lionel Barrymore aufgrund seiner fortgeschrittenen Arthritis bereits wirklich auf den Rollstuhl angewiesen - was die Szene, in der er den Stuhl verläßt, um sich gegen Johnny Rocco zu behaupten, mit einer besonderen Dramatik erfüllt. Bezeichnenderweise spiegelt sich der pessimistische Grundton des Filmes auch darin wider, daß Temple durch Roccos Intrige das Vertrauen der Indianer verliert, die ihn, nach Noras Worten, für die Verkörperung der Vereinigten Staaten halten, und somit indirekt für den Tod zweier flüchtiger Indianer verantwortlich ist. Dies bringt Temple dann zu der entmutigten Schlußfolgerung, daß ein Weißer wohl, ganz gleich, wie er handele, durch seine Taten immer den Indianern Schaden zufüge.