Auf den Straßen liegen modernd Tote, Kinder verhungern erbärmlich, Frauen prostituieren sich, um zu überleben. Derweilen reihen sich die Männer in verschiedenen Gangs auf und gehen mit Axt, Keule oder Knarre aufeinander los. Der Alltag in New York im Jahre 1863 ist pure Barbarei, Brutalität in Reinform. Im Hafenviertel "Five Points" tobt der Bandenkrieg und die beiden stärksten Gangs liefern sich heftige Gefechte um die Macht in der Metropole: Die englischstämmigen Atheisten, angeführt vom sadistischen Bill "The Butcher" Cutting, und die katholischen Iren. Es herrscht Krise und Krieg in New York. Ein blutiger, erbarmungsloser Krieg der Rassen und Klassen, ein Krieg um Religion, Macht und Politik.
Was wie ein Abenteuerroman klingt, ist Wahrheit und Teil der Chronik von Herbert Asbury, feinfühlig aus dem Englischen von Anja Schünemann übersetzt und mit historischen Illustrationen und Schwarzweiß-Fotos aus dem Fundus der Geschichte gespickt. Dieses Buch diente dem gleichnamigen Film von Martin Scorsese als Vorlage für den opulenten Kinofilm mit Leonardo DiCaprio und Cameron Diaz in den Hauptrollen, der für 10 Oscars nominiert wurde.
Eine Chronik, so wird "Gangs of New York" genannt - und ist doch weitaus mehr: Das Buch gibt Einblick in die gesamte Entstehung des New Yorker Bandenwesens, in das Leben der berüchtigten Elendsviertel, bis hin zur Prohibition und den korrupten Geschäften der Mafia, den Terror, der zunehmend Macht über die ganze Stadt gewann. Dabei werden lasterhafte Persönlichkeiten geschildert, Gangster menschlich greifbar und das Handeln logisch, gleichgültig, ob es sich um gescheiterte Existenzen oder - nach Aussage des Autors - einige wenige "intelligente und tüchtige" Männer geht, denn sie alle handelten nach dem, in das sie hineingeboren wurden - Elend und Gewalt.
Die brillante Schreibe und bildreiche Sprache, die der Kriminalhistoriker und Autor in "Gangs of New York" verwendet, lässt den Leser eintauchen in diese betrübt-bestechende Welt. Fundamentiert auf zahlreichen Chroniken, teils aus der Feder des Autors selbst, teils aus anderen Quellen, wie Zeitungen und Polizeiakten, die sorgfältig in der Bibliographie im Anhang aufgelistet sind, wird "Gangs of New York" zu einem historischen und unvergesslichen Werk, welches nur schwerlich aus der Hand gelegt werden kann, wenn man einmal begonnen hat, darin zu blättern.