Es hat mich doch sehr verwundert und ist für mich unverständlich, dass ich auf dieser Seite so viele schlechte Rezensionen zu dieser zweiten Staffel vorfand. Deshalb fühle ich mich in der Pflicht, dieses Meisterwerk zu verteidigen.
Ja, auch ich habe das Buch gelesen und ja, es wurden einige Änderungen vorgenommen. Es sollte doch eigentlich klar sein, dass es nur wenig sinnvoll ist, ständig Verfilmung und Buchvorlage zu vergleichen. Diese Serie ist das keine Ausnahme; sie ist letztlich ein eigenständiges Werk. Und auch in zehn Folgen a einer Stunde kann dieses komplexe Buch nicht vollständig untergebracht werden. Und ich für meinen Teil finde die Entscheidung, an Actionszenen zu sparen, die die Handlung sowieso nicht voranbringen, statt auf wichtige Gespräche zu verzeichten, sehr nachvollziehbar.
Die kreativen Köpfe dieser Serie, David Benioff und D. B. Weiss, lieben und achten George Martins Bücher sehr und das merkt man der Serie, auch dieser zweiten Staffel, deutlich an. Ich für meinen Teil lehne mich zurück und sehe mit Staunen, was sie als nächstes auf die Mattscheibe zaubern.
Und ja, diese Serie besteht zum Großteil aus Dialog. Dessen muss man sich natürlich bewusst sein. Man kritisiert ja auch nich an einer Krankenhausserie, dass ständig Ärzte darin vorkommen. Diese Serie, im Gegensatz zu den allermeisten anderen Serien, verlangt ein aktiven Zusehen und Zuhören vom Publikum. Ja, es gibt viele Handlungsstränge, die Handlung ist mehr als komplex. Man kann sich nicht einfach berieseln lassen, man muss mitdenken, ansonsten zieht die Serie an einem vorüber.
Wenn man sich darauf einlässt, dann kann man etwas sehen, was es bisher noch nicht auf einem Bildschirm zu sehen gab. Einer der komplexesten Romane unserer Zeit, wie er sich vor unseren Augen sorgfältig, Schritt für Schritt entfaltet. Figuren, die von Folge zu Folge mehr Tiefe gewinnen, die zu unverkennbaren und einzigartigen Persönlichkeiten werden. Und eine Handlung, die sich zum Großteil aus der Interaktion dieser Figuren entwickelt, die so handeln wie sie handeln müssen. Es ist unmöglich, sich auf eine Seite zu stellen, schwer, manche Figuren einfach "böse" zu nennen, wenn man sie so gut kennt und so viel über sie weiß.
Diese zweite Staffel steht der ersten um nichts nach. In acht Folgen führt sie uns durch die Erlebnisse der Figuren.
Jon Snow (Schnee), der hinter der Mauer ist und sich mit der unbarmherzigen Kälte, aber auch mit sich selbst konfrontiert sieht.
Tyrion Lannister, der sich als neue Hand des Königs beweisen muss, des Königs Joffrey, der immer unkontrollierbarer und grausamer wird. Gegen ihn stehen außerdem die Interessen seiner Schwester Cersei, der Königinmutter, die von ihrer Macht nichts abgeben möchte. Dabei bewegt sich Tyrion nicht anders als zuvor Ned Stark in einem Geflecht aus Intrigen, die von den Machthabern zu Hofe gesponnen werden.
Sansa Stark ist gefangen in ihrem Heiratsversprechen zu Joffrey und muss lernen, eine brillante Lügnerin zu werden, um unbeschadet zu überleben.
Arya Stark, auf dem Weg zur Mauer, findet Freunde und muss sich mit ihnen allein durchschlagen, ungewiss, was vor ihr liegt, aber voller Rachsucht.
Catelyn Stark sieht ihrem Sohn Robb dabei zu, wie er einen Krieg führt, der immer größer und größer wird, und ist aus Angst einen Fehler zu machen, der einem ihrer Kinder das Leben kosten könnte zuweilen paralysiert, zuweilen unbedacht.
Bran Stark ist plötzlich Herr von Winterfell, eine schwere Aufgabe für einen zehnjährigen Jungen, der zudem seine Lähmung noch immer verarbeiten muss.
Und dann natürlich Danaerys Targaryen, die Mutter der Drachen, gestrandet im Niemandsland, unbeholfen und naiv, aber voll starkem Willen. Dieser Handlungsstrang war für mich der faszinierendste.
Und die beiden neuen Stränge: Einmal Theon Greyjoy (Graufreud), der sich mit seiner Vergangenheit und seiner Familie konfrontiert sieht und einen Fehler nach dem nächsten begeht.
Und Ser Davos Seaworth (Seewert), ein ehemaliger Schmuggler im Dienste Stannis Baratheons, dem Bruder des verstorbenen Königs Robert Baratheon und dessen "rechtmäßiger" Nachfolger. Stannis ist im Bunde mit der roten Priesterin Melisandre, die volle Kontrolle über ihn zu haben scheint und Davos befindet sich in einem Loyalitätskonflikt.
Das Buch, auf dem die zweite Staffel beruht, heißt "A Clash of Kings", und das ist der Dreh - und Angelpunkt der Handlung. König Joffrey Baratheon, König Renly Baratheon und König Stannis Baratheon erheben alle Anspruch auf den eisernen Thron. König des Nordens Robb Stark und Balon Greyjoy (Graufreud), König der eisernen Inseln, versuchen sich aus dem Reich auszugliedern. Und dann ist da noch Mance Rayder (Manke Raydar), der König hinter der Mauer, der zwar in dieser Staffel noch nicht in Erscheinung tritt, dessen Einfluss aber spürbar wird.
Es geht um Macht in dieser zweiten Staffel, ohne Frage. Lord Varys sagt an einer Stelle: "In a room there sit three great men, a king, a priest, and a rich man. Between them stands a common sellsword. Each great man bids the sellsword kill the the other two. Who lives, who dies?" Wer lebt, wer stirbt? Wo liegt die Macht?
In der neunten Folge sehen wir dann eine Explosion mehrerer Handlungsstränge in einer atemberaubend und beeindruckend inszenierten Schlacht (das Drehbuch zu dieser Folge hat George Martin selbst geschrieben), dem Höhepunkt dieser Staffel. Allein dafür könnte man schon diese Staffel kaufen.
Etwas wie Game of Thrones gab es zuvor nicht. Und insofern ist es ein Experiment. Ein Experiment, an dem jeder, der die Möglichkeit hat, teilhaben sollte, ohne fest gesetzte Erwartungen, wie eine Serie auszusehen hat, sondern mit der Offenheit, mit der man Kunst betrachten muss.