Ganz im Gegensatz zu meinem Vorrezensenten habe ich überwiegend positive Eindrücke von Karajans Brahms-Requiem gewonnen.
Als diese im Mai 1964 im Großen Musikvereinssaal zu Wien gemachte Aufnahme 1965 erstmals erschien, hatte ich nur eine Alternative in meiner Plattensammlung: Rudolf Kempes zu Recht legendäre Berliner Produktion von 1955 (mit Elisabeth Grümmer und Dietrich Fischer-Dieskau als Solisten). Später machte ich noch die Bekanntschaft mit den Aufnahmen von Klemperer, Sir Georg Solti, Lorin Maazel, Giuseppe Sinopoli und Bruno Walters alter New Yorker Einspielung von 1954. Auch Karajans Remake von 1976 (für EMI, mit Anna Tomova-Sintow und José van Dam) liegt mir vor. Richtig ist, daß Karajans 1964er Produktion den Versionen von Kempe, Klemperer und Bruno Walter, so unterschiedlich auch diese sind, in etlichen Punkten nachsteht, aber über alles gesehen rechne ich seine hier zur Diskussion stehende zu den im oberen Spitzenfeld anzusiedelnden Aufnahmen. Wohl nicht umsonst wurde sie 1965 mit dem renommierten "Grand Prix du Disque" und noch einigen anderen Preisen ausgezeichnet. Es stimmt einfach nicht, daß der Wiener Singverein schlecht und "wie vom Blatt" singt. Sein Vortrag ist vielmehr sauber und flexibel. Über sängerische Eleganz kann man bei einem solch riesigen Chor sicherlich trefflich streiten, und es ist auch nicht von der Hand zu weisen, daß die Textdeutlichkeit an manchen Stellen zu wünschen übrig läßt, was aber mehr der Aufnahmetechnik als dem Chor anzulasten sein dürfte. Ich habe den Eindruck, daß der Chorleiter Reinhold Schmid seine Formation bestens vorbereitet hat und auch Herbert von Karajan, der ja für seinen Klangfetischismus, auch und gerade bei Vokalmusik, bekannt und bei den Sängern gefürchtet war, einen solch unkompetenten Verein, wie ihn mein Vorrezensent beschreibt, nicht zum Einsatz hätte kommen lassen. Nun zu Gundula Janowitz. Vielleicht fehlt ihr ein wenig der ätherische Ton, den ihre Kollegin Elisabeth Schwarzkopf bei Klemperer anschlägt, aber ihr Vortrag ist auch hier wieder von geradezu überirdischer Schönheit, und ihre engelreinen Töne berühren Herz und Sinn. Dagegen halte ich Eberhard Waechter, so gut er auch singt, doch im Vergleich zu Dietrich Fischer-Dieskau eindeutig für "zweite Wahl." Man weiß, daß Herbert von Karajan eine sehr enge Beziehung zum Brahms-Requiem hatte, schon in seiner Aachener Zeit (1934-1942) hatte er es in seinem Repertoire, und seine Wiener Aufnahme von 1947 (EMI) mit Elisabeth Schwarzkopf und Hans Hotter zählt bis heute zu den raren "Schallplattenklassikern." Wie sollte es möglich sein, daß ein so überragender Künstler wie er auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft ein Werk wie dieses in einer solch grottenschlechten Aufführung auf den Markt gebracht hätte? Noch ein Wort zu Karajans Tempi: Sie sind zwar ruhig und getragener als bei den meisten seiner Kollegen, aber nirgends zerdehnt oder gar schwerfällig. Ich war im Gegenteil höchst erstaunt, daß Karajan für das Werk noch nicht einmal eine Minute länger braucht als Rudolf Kempe in seiner Berliner Aufnahme; in einigen Sätzen ist er sogar noch etwas rascher.
Zum Schluß noch eine Anmerkung zur technischen Realisation: Die Mängel in der Textdeutlichkeit wurden schon angesprochen, ansonsten kann man der Aufnahme nur bescheinigen, daß das Orchester und auch die Solisten gut eingefangen wurden und die digitale Bearbeitung der Produktion gut bekommen ist. Das beigefügte Textheft ist in Ordnung, es enthält auch den vollständigen Text des Requiems mit dreisprachiger Übersetzung.