Selbst wenn man kein Freund von Originalbesetzungen ist, muß man vor dieser wüsten Klangorgie kapitulieren. In Beethovens gewaltigster Komposition steckt zweifellos jede Menge utopisches Potential, und das sollte keineswegs verharmlost werden, wie das in manchen Originalklang-Versionen praktiziert wird. Das Werk ist und bleibt sperrig, und das muß eine adäquate Interpretation ohne jeden Abstrich zeigen, wie dies in der bis heute nie übertroffenen Klemperer-Produktion (EMI) der Fall ist. Auch Carlo Maria Giulini (EMI) und Karl Böhm (DGG) zeigen dies, selbst Herbert von Karajan, der ja manchmal ein wenig zum Weichzeichnen neigte, unterschlägt den sperrigen Charakter der Komposition, zumindest in seinen Aufnahmen von 1958 (EMI) und 1966 (DGG), nicht.
Der Beweis dieser Sperrigkeit wird aber nicht damit erbracht, wenn ein Dirigent vier Solisten nebeneinander herbrüllen läßt und den Chor mit Schmissigkeit durch die unzähligen Fortes und Fortissimos peitscht, so daß das Orchester hinter dem tobenden Vokalapparat praktisch zur Bedeutungslosigkeit verdammt wird. Von jener fast gemeißelten Deutlichkeit des Details, das Klemperer bei aller Monumentalität zu erzielen wußte, findet sich bei Bernstein leider kaum eine Spur. Er scheint Beethovens gewaltige Messe praktisch ausschließlich für eine Angelegenheit des Temperaments zu halten und nicht der klanglichen Organisation, auf die es gerade in diesem Werk so entscheidend ankommt. Des Komponisten Motto "Von Herzen - möge es wieder zu Herzen gehen" hält Bernstein offenbar für eine Aufforderung, den steuernden Intellekt auszuschalten.
Das Soloquartett wartet mit berühmten Namen auf, aber nur Hanna Schwarz wird den Anforderungen der Komposition singend gerecht. Über Edda Mosers und erst recht René Kollos Beiträge breitet man besser den Mantel des Schweigens. Auch Kurt Molls bardenhaftes Opernpathos ist vom Sinn dieser Musik meilenweit entfernt. Der Rundfunkchor Hilversum ist eine erstklassige Formation, singt hier aber über weite Strecken völlig undifferenziert und damit letztendlich inkompetent, und das an sich hervorragende Concertgebouw-Orchester Amsterdam ist viel zu unpräsent aufgenommen, um seine exzellenten Qualitäten entfalten zu können. Es wird ganz einfach vom Vokalapparat mehr oder weniger zugedeckt und kann damit nicht das erforderliche Profil gewinnen, auf das es hier entscheidend ankommt. Das dürfte allerdings mehr zu Lasten der Aufnahmetechnik als des Dirigenten gehen.
Fazit: Es ist höchst bedauerlich, daß ein Dirigent vom unbestreitbaren Format Leonard Bernsteins seinen Namen und sein Wirken für diese in allen Teilen unausgewogene Produktion zur Verfügung gestellt hat. Sie ist, trotz der ansprechenden Repräsentation, schlicht als überflüssig zu bezeichnen. Schade um den gewaltigen Aufwand, der absolut in keinem Verhältnis zum Ergebnis steht.