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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
16 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Aus einem unbekannten Land,
Von
Rezension bezieht sich auf: Galizien: Eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina (insel taschenbuch) (Taschenbuch)
Galizien und die Bukowina, die beiden fast vollkommen vergessenen Landschaften Osteuropas, erstreckten sich von den heute südostpolnischen Städten Tarnow und Przemysl bis nach Tschernowitz in der Südukraine. Es war eine multikulturelle Welt aus Ruthenen (Ukrainern), Polen, Juden, Deutschen, Rumänen, Zigeunern aber auch so kleinen Völkern wie Lemken, Bojken und Huzulen, die im 19. Jahrhundert in einem einzigen Reich vereinigt war - der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Politisch maßgeblich waren die Polen, die seit 1861 eine innere Autonomie zur Polonisierung Galiziens nutzten, um von hier aus in der Epoche der polnischen Teilung die Wiedererstehung Polens voranzutreiben. Ein geradezu babylonisches Sprachengewirr beherrschte diese Region, notdürftig konturiert, durch das verwaschene Armeeslawisch und durch Deutsch, die Sprache der Gebildeten, an die sich vor allem die Juden zur Abgrenzung von Polen und Ukrainern orientierten. Geprägt waren diese Landschaften von einer schreienden Armut - die Landwirtschaft war nicht nur rückständig sondern auch noch durch hohe Bevölkerungszuwachse belastet, was zu ethnischen Spannungen und schließlich zu Auswanderungswellen nach Amerika und ab den Achtziger Jahren auch nach Mitteleuropa führte. Im Mittelpunkt dieses Wandels stand die jüdische Bevölkerung, teilweise ergriffen von orthodox-chassidischen Bewegungen, teilweise fortschrittlich, gebildet und deutschfreundlich gesinnt. Sie waren vorwiegend im Bildungswesen, im Handel und Geldverleih beschäftigt und wurden, wie Reymont in seinem monumentalen Werk Die Bauern" zeigt, geduldet aber nicht geliebt. In ihrer überwiegenden Mehrheit wurden sie schließlich ob deutschfreundlich oder nicht, durch die nationalsozialistische Mordmaschinerie des Zweiten Weltkrieges vernichtet.Pollocks Buch erzählt die Geschichte Galiziens mit unverkennbarer Sympathie und Anteilnahme, mitunter entgeht er sogar nicht ganz der Gefahr, diese altgalizische Welt als eine multikulturelle Vorwegnahme der Gegenwartein wenig zu verklären. Nur zwischen den Zeilen wird immer wieder deutlich, dass Galizien durchaus kein Burgund und kein Schwaben sondern ein bitterarmer Hinterhof Europas war, in dem Aberglaube, Mord und Totschlag, Pogrome, Mädchenhandel, Räuberbanden und religiöser Wahn grassierten. Seine Städtebeschreibungen, die mit einem Portrait der Hauptstadt Lemberg (Lwow) enden, präsentieren stattdessen ein eher freundlicheres Bild lebendiger kleiner Zentren mit Märkten und Kirchen und lesen sich fast wie ein Reiseführer durch eine längst vergangene Zeit, zu dessen Stärken es gehört, ausführlich und illustrativ Zeitgenossen und Augenzeugen zu Wort kommen zu lassen. In manchen Passagen gleicht Pollocks Werk in seiner Stimmung von "Es war einmal..." fast einem Märchenbuch. Doch wie bei allen Märchenbüchern ist dringend davon abzuraten, diese Welt noch einmal mit eigenen Augen sehen zu wollen, denn sie ist verschwunden und als melancholische Erinnerung nur noch in Büchern wie dem vorliegenden präsent. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
47 von 51 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
So fern, so nah : Galizien,
Von Francis Pierquin (Vernouillet, France - fspierqu@club-internet.fr) - Alle meine Rezensionen ansehen (REAL NAME)
Rezension bezieht sich auf: Galizien: Eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina (insel taschenbuch) (Taschenbuch)
In dem halben Dutzend Kaffeehäuser, die die Kleinstadt Stryj um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert aufzuweisen hat, liegen „polnische, ruthenische, jiddische, deutsche und ausländische Zeitungen" auf. Mithin sind Polnisch, Ruthenisch bzw. Ukrainisch, Jiddisch und Deutsch keine fremden Idiome, sondern Landessprachen. Im selben Zeitraum wird im „Kaiser-Café" am Elisabethplatz in der 80.000 Einwohner zählenden Stadt Czernowitz nicht nur echtes Pilsner vom Fass ausgeschenkt, sondern es liegen gar, sage und schreibe, einhundertsechzig Tageszeitungen auf - „die Czernowitzer waren geradezu fanatische Zeitungsleser". Stryj und Czernowitz stehen für Galizien und die Bukowina, zwei Länder, die bis 1918 zum Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn gehörten. Ohne einige der dort gebürtigen Dichter - auch wenn etliche erst in der Zwischenkriegszeit zu schreiben anfingen, zu einer Zeit also, da Galizien wieder zu Polen gehörte und die Bukowina Rumänien zugeschlagen worden war - wäre die deutsche Literatur um einiges ärmer : Gemeint sind nicht nur Joseph Roth und Paul Celan, sondern auch Rose Ausländer und Soma Morgenstern, oder etwa Karl Emil Franzos und Manès Sperber. Derweil in der Gegend von Drohobycz fieberhaft nach Erdöl gebohrt wurde, lebten in den Waldkarpaten solche eigentümliche Völker wie die Lemken, die Bojken und die Huzulen, anderswo auch noch Ungarn, Slowaken, Armenier, Lipowaner und Zigeuner, und während in Österreich-Ungarn die Juden noch nicht einmal 4 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten, stieg ihr Anteil in besagten, ehemaligen Kronländern auf gut 10 Prozent, um mancherorts, in den sogenannten Schteteln, gar 90 Prozent zu erreichen. Und sie waren mächtig in Wallung : Während ein gut Teil von ihnen nichts wollte als nach Amerika auszuwandern, strebten wieder andere, Zionisten genannt, nach Palästina. Unter denen, die blieben, neigten einige, sich entweder ans Deutsch- oder Polentum zu assimilieren, und wieder andere, die sog. Jiddischisten, trachteten eher danach, in ihrer angestammten Heimat zu bleiben, allerdings unter voller Anerkennung und Berücksichtigung ihres Ethnikums. Oder waren einfach nur damit beschäftigt zu überleben, ob sie nun Anhänger der klassischen Orthodoxie (Mitnagdim), des Chassidismus (Chassidim) oder gar der Haskalah, der jüdischen Aufklärung (Maskilim), sein mochten. Indes die Polen die eigentliche Oberhoheit - bis aufs Militär - im Land ausübten und allerhand damit zu tun hatten, ihre vorherrschende Stellung, insbesondere gegenüber den ruthenischen Landmassen, zu wahren oder gar auszubauen. Ja, es waren schon eigentümliche Gegenden, geografisch und ökonomisch schon immer am Rande, aber kulturell irgendwie stets auf der Höhe. Und heute einigermaßen wieder zugänglich. „Die Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina" - wie es im Untertitel zum Buch heißt -, zu der Martin Pollack einlädt, beruht auf einem ebenso einfachen wie triftigen Konzept : Unternommen wird eine Reise mit der Eisenbahn, so wie es sie um die Jahrhundertwende gab, und zwar gegen den Uhrzeigersinn, also erst einmal in südöstlicher Richtung entlang der Karpaten, um nach einem Zwischenaufenthalt in der Bukowina und in Czernowitz wieder aufwärts der galizischen Hauptstadt Lemberg zuzustreben - allerdings erst nach einem Abstecher über Joseph Roths Geburtsstadt Brody. Bisweilen erstaunlich die Ortskenntnisse, bis in die entlegensten Seitentäler hinein, die der Autor zu besitzen scheint und dem Leser wie selbstverständlich nahezubringen versteht. Und eine besondere Stärke des Buches besteht nicht zuletzt darin, dass es an jeder Station ortsansässige und einheimische Dichter und Schriftsteller zu Wort kommen lässt, seien sie nun deutscher, jiddischer polnischer oder ruthenischer Zunge. Immer gut recherchiert und sorgsam ausgewählt. Ein Manko dennoch : dass Soma Morgenstern unerwähnt bleibt. Dies täuscht aber nicht darüber hinweg, dass der Verfasser ein Kenner und Liebhaber der Materie ist und sich auch darauf versteht, sie dem Leser beizubringen. So sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Denn die Materie, die lohnt sich allemal.
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26 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Imaginäre Reise durch eine verschwundene Welt,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Galizien: Eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina (insel taschenbuch) (Taschenbuch)
Wo liegt Galizien? Sogar geografisch ist die Frage nicht eindeutig zu beantworten, denn Galizien gibt es zweimal. Historisch fiel die Antwort bislang ebenso schwer, aber dank dieses Büchleins fällt sie leichter. "Galizien" schildert mit sanften, aber niemals seichten Worten, was wir alles verloren haben, indem wir zuließen, dass eine der heterogensten Kulturlandschaften - im Grenzdreieck von Mitteleuropa, dem Balkan und der russischen Weite - für immer zerstört wurde.Insofern schwingt auf jeder Seite des Buches Wehmut mit - eine Wehmut, die jedoch frei ist von Anklage oder Resignation. Indes lässt sie Heimweh aufkommen, nach einem untergegangenen Land, das ich nie besucht habe - und leider nicht mehr besuchen kann. Stilistisch und sprachlich ist "Galizien" eine eher kurzweilige Lektüre, die - im besten Sinne - einem zeitgenössischen Baedecker enstammen könnte. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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