Historische Quellen können ziemlich öde sein. Mich zumindest haben sie bislang noch nicht bewogen, mich eingehender mit ihnen zu beschäftigen. Gerd Theissen hat mit diesem Buch jedoch einen wunderbaren Weg gefunden, Inhalte alter jüdischer, römischer vor- und urchristlicher Quellen kombiniert mit Bibelstücken zu einer ansprechenden und interessanten Form aufzubereiten, deren Lektüre Spaß macht. Hierzu hat er eine realistische Geschichte um diese Quellen herum gewoben, die es ermöglicht, eben jene Inhalte in einer sehr anschaulichen und plastischen Form darzubieten, dass man leicht Assoziationen herstellen und dem Handlungsverlauf problemlos folgen kann. Die öden Quellen werden also plastisch und "lebendig". Und das "Extra" an diesem Buch ist natürlich, dass man so quasi "nebenbei" einige interessante zeitgeschichtliche Hintergrundkenntnisse erlangt.
Am besten fand ich aber die Methode, die er gefunden hat, um Kritikern bereits vorab den Wind aus den Segeln zu nehmen. Parallel zu jedem einzelnen Kapitel der Geschichte nämlich befinden sich Auszüge aus der Kommunikation mit einem "imaginären" und überaus kritischen Wissenschaftler-Kollegen Kratzinger (auf Grund der ein oder anderen Andeutung könnte man aber doch durchaus eine bestimmte konkrete reale Person dahinter vermuten können...). Es handelt sich hierbei um Antwortbriefe, in denen Theissen die Kritikpunkte von Herrn Kratzinger aufnimmt, auf sie eingeht und gleichzeitig seine Vorgehensweise in der Handlung rechtfertigt und erklärt. Hiermit gelingt es ihm, wissenschaftliche Hintergründe zu erklären, Einordnungen vorzunehmen und Begrifflichkeiten wie Fachvokabular einzuführen, die so auch dem theologischen Laien zugänglich werden und sind. Sogar das Literaturverzeichnis "versteckt" sich im letzten dieser Briefe. - Eine meiner Meinung nach großartige Idee, die schon per se 5 Sterne verdient hat!
Und dies ist noch nicht alles! Quasi nebenbei gelingt es Theissen nachzuzeichnen, wie dieser Jesus nicht nur Diskussionen zwischen Familien, Beziehungs- und Geschäftspartnern sondern auch zur Auseinandersetzung der eigenen Position zu ihm führt. Er verdeutlicht, dass man sich zu seiner Botschaft, seinen Ansichten einfach irgendwie verhalten muss, dass Er und seine Botschaft es vermögen, Ansichten umzustürzen und Nachfolge zu erwecken. Theissen gelingt es somit, (einsetzenden) Glauben narrativ zu beschreiben und nachvollziehbar zu machen.
Fazit: Dieses Buch ist einfach großartig und "lebendige Geschichte" auf wissenschaftlichem und doch leicht zugänglichem Niveau! Von mir eine ganz klare und ausgesprochene Empfehlung!!!