Wer behauptet, das Deutsche sei zu sperrig für geniale Wortkünstler? Zu triefend ernsthaft, um damit geistreichen Schabernack zu treiben? Und wer glaubt, tiefer Sinn und leichte Feder seien nicht zu vereinen? -- Wer immer diese Ansichten teilt, kennt nicht Christian Morgenstern und seine bekanntesten Werke: die Galgenlieder, Palmström, Palma Kunkel, den Gingganz...
Morgenstern war ein begnadeter Spieler; nichts ist für ihn unantastbar, sobald es die Sprache und den Umgang mit ihr betrifft. Die Galgenlieder sind dem Kind im Manne gewidmet, aber das bedeutet nicht, dass sie kindisch oder banal wären -- ganz im Gegenteil! Wie ein neugieriges Kind gibt Morgenstern sich nicht mit vordergründigen Erklärungen und Bedeutungszuweisungen zufrieden, spielt statt dessen mit der Sprache, nimmt fest Verbundenes auseinander und fügt es neu zusammen, nimmt Abstraktes wörtlich und abstrahiert Konkretes, und führt assoziativ all das weiter, dessen Sinn scheinbar festgemauert im allgemeinen Verständnis ist. Die Ergebnisse sind nicht nur komisch (das sind sie auch, sogar sehr!), sondern bieten auch tatsächlich einen neuen Blick auf die Welt: Der Werwolf sehnt sich nach Beugung und muss am Ende leidvoll erkennen, dass ihm der Herr Lehrer die Mehrzahl (und damit ein Gegenüber) verbietet; ein Seufzer findet schlittschuhlaufend sein Ende im tauenden Eis; ein Knie geht nach dem Kriegstod eines Mannes einsam durch die Welt; das ästhetische Wiesel schließlich decouvriert sinnig die Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Entstehung des ein oder anderen Gedichtes. Vor des Lesers Augen entstehen so unglaubliche Dinge wie z.B. Viertelschwein, Auftakteule, Überwasser, Nachtwindhund, Steinochs, und natürlich Nasobem und Mondschaf -- usw. usw. (Und sehen die Möwen nicht tatsächlich alle aus, als ob sie Emma hießen?) Man wollte jedes Gedicht zitieren, so schön sind sie alle.
Morgenstern geht aber noch weiter, verzichtet schonmal auf Worte (Fisches Nachtgesang) oder dichtet in nie gekannter Sprache (Das große Lalula). Es stimmt schon, was er über den Galgenberg, den "Lugaus der Phantasie" sagt: Man sieht vom Galgen die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als Andre. Ganz sicher gehören die "Galgenlieder" zum Geistreichsten, was die deutsche Lyrik zu bieten hat.
Aber nicht nur die Galgenlieder lohnen das Lesen, Immer-wieder-Lesen, Auswendiglernen und das Noch-Auswendiger-Lernen: Der Zyklus um Palmström und Korf enthält unsterbliche Gedichte, und die Gedichtzyklen von Palma Kunkel und vom Gingganz verbinden melancholisch Sprachphilosophie mit beißender Ironie und am Dasein leidendem Pessimismus -- und jedes einzelne Gedicht ein Kleinod der Sprache: Morgenstern lässt Korf neuartige Witze erfinden, berichtet vom neuentdeckten Vokal und vom heiligen Pardauz, lässt des Lesers Assoziationen freien Lauf beim "Stein-Platz zu Charlottenburg", und in jedem seiner vielen kleinen Gedichte ist, ich sag's nochmal, viel Lebensklugheit versteckt.
Für alle, die Morgenstern noch nicht kennen, schafft das hier vorliegende Reclam-Heftchen preiswerte Abhilfe; und wer "seinen Morgenstern" kennt und im Regal stehen hat, sollte ebenfalls zugreifen, denn das bekannte Reclam-Format findet in jeder Manteltasche Platz, und wer sich jetzt noch beim Warten auf die Trambahn u.ä. langweilt, ist selber schuld.