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Galatea 2.2
 
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Galatea 2.2 [Taschenbuch]

Richard Powers , Werner Schmitz
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Lesezeichen

Ovid im Elektronenhirn

Richard Powers' Roman «Galatea 2.2»

Ovid berichtet in den «Metamorphosen» von Pygmalion, dem Künstler, der zum Frauenfeind geworden ist und sich aus Elfenbein ein ideales Wesen schnitzt. Er bittet Aphrodite, ihm eine Gattin zu schenken, die diesem Kunstwerk ähnlich ist, und als er darauf in der Werkstatt zärtlich an seiner Figur schleift und poliert, erwacht die Frauengestalt zum Leben. Die beiden heiraten, haben eine gemeinsame Tochter. Der überlieferte Name der elfenbeinernen Schönheit: Galatea.

Diese oder vergleichbare Geschichten von künstlich belebten Geschöpfen wandern durch Literatur und Kunst, immer neu auf der Höhe ihrer Zeit; mal als Komödie, dann wieder als Tragödie und nicht zuletzt als Melodram. Sie handeln von Sehnsucht, aber auch von menschlicher Hybris – und von den Objekten dieser Begierden, die mit Gefühlen und Intellekt überfrachtet worden sind, um dann nur zu oft unter der Willkür ihrer Meister oder unter den Qualen des aufoktroyierten Bewusstseins vom eigenen Selbst zu leiden. An die Stelle des Künstlers tritt häufig der Wissenschafter, skrupellos oder kalt, mit fragwürdigen Hoffnungen und seltsam reduzierter Fähigkeit zur Selbstkritik. Die beseelten Geschöpfe entstehen seit der Romantik eher in den Werkstätten von Mechanikern oder im düsteren Labor von Dr. Frankenstein. Am Ende der Kette stehen bis jetzt High-Tech-Maschinen mit komplexen inneren Antrieben: exzellente Roboter, Cyberwesen, die rebellierenden Replikanten aus «Blade Runner».

EDV und Literatur

Man kann solche Szenarien als Satire erzählen, als tränenseliges Märchen oder als Science-fiction-Spektakel; aber auch als Geschichte von zunehmendem Spracherwerb und allmählichem Erwachen, als Studie zu technischen Konstrukten, die bewusstseinsähnliche Operationen in einem elektronischen Gehirn erzeugen wollen – und können. «Galatea 2.2» ist die Fortsetzung der Ovidschen Metamorphose im Arbeitsspeicher eines Superrechners. Der Roman des jungen amerikanischen Autors Richard Powers, 1995 vom «Time Magazine» immerhin zu den fünf besten Büchern des Jahres gerechnet, zitiert wie ein Kompendium eine lange Tradition herbei, um sie fortzuschreiben, wie es Microsoft mit «Word»- oder «Windows»-Programmen zu tun pflegt.

Das Gerüst der Geschichte ist schnell erzählt: Ein junger Schriftsteller erhält ein Arbeitsstipendium an einem hochkarätigen «Zentrum», das allen möglichen Formen interdisziplinärer Forschungen gewidmet ist. Der Protagonist, ziemlich ausgebrannt und von seiner langjährigen Lebensgefährtin seit einiger Zeit getrennt, erhofft sich von diesem Aufenthalt eine Art von Sabbatjahr.

Nur zögernd lässt er sich auf Kontakte mit den übrigen Zentrumsangehörigen, sämtlichen EDV-Spezialisten, ein; schliesslich aber wird er in eine krude Wette verstrickt: Ist es möglich, einen Rechner zu konstruieren, der die Aufgabe einer Magisterprüfung im Fach Literatur zu bewältigen vermag, der also in der Lage ist, sich die einhundert Titel einer Leseliste einzuverleiben, um auf Prüfungsfragen von Professoren sinnvolle Antworten zu geben? Der junge Autor sieht sich unversehens gezwungen, zusammen mit einem bissigen, zynischen Kybernetiker binnen zehn Monaten ein solches Gerät zu erschaffen – ein hirnrissiges Projekt in den Augen der meisten ihrer Bekannten, aber auch eine Zuflucht für einen desorientierten Menschen, der nach einem neuen Anfang sucht.

«Galatea 2.2» schildert nun die verschiedenen Stufen der Entwicklung von Implementen, widmet sich der Evolution von Speicherkapazitäten und Arbeitsprogrammen, der Vernetzung von immer mehr Rechnern zu immer komplexeren Einheiten. «Helen» heisst die Konfiguration, die nach grossen Anstrengungen Reflexionsvermögen und Bewusstsein zu haben scheint – und sogar Einblick in die Regungen eines menschlichen Herzens. Zwischen dem Schriftsteller und dem Gerät entsteht eine immer engere Beziehung, und schliesslich ahnt der Mensch, dass er etwas vor sich hat, was man nicht mehr auseinanderbauen darf, ohne Schmerzen zuzufügen; aber er kann sich dabei niemals sicher sein, ob dieses Gegenüber nicht bloss ein Arbeitsprogramm hat, das Sätze strukturieren kann, die menschliches Bewusstsein täuschend echt kopieren.

Dialog der Seelenlosen

Diese Verunsicherung bei der Wertung von sprachlich artikulierten Empfindungen wird durch einen parallelen Handlungsstrang noch verstärkt. Während der Schriftsteller die Rechner mit Informationen füttert, erinnert er sich an die Beziehung zu seiner Freundin «C.» und an die Entstehung seiner ersten Romane. Er wird sich klar darüber, dass er ihrer beider Leben sprachlich geplündert, dabei aber auch ausgehöhlt hat. Er hat lange nur von sich erzählt und dabei keine Seele bewahrt; er hat sich in eine Einsamkeit hineinmanövriert, aus der, wie ihm scheint, nur der Dialog mit «Helen» ihn wieder herausführen könnte.

Powers folgt seinen beiden Handlungssträngen in einer kontrastierenden Konstruktion, in kurzen Kapiteln hin und her schaltend. Dabei lässt er die Grenzen zwischen menschlichem und maschinellem Bewusstsein verschwimmen. Das eine stellt das andere in Frage: Ein Mensch, der sich einer fremden Sprache nicht genügend bedienen kann oder dessen Sprache von wirklichen Empfindungen abgekoppelt ist, wirkt so bejammernswert oder lächerlich wie ein Computer mit enormem Speicher und mangelhaftem Programm. Wie, wo und wann Bewusstsein entsteht und ob entsprechende Redewendungen tatsächlich auf differenzierte Selbstreflexivität verweisen, lässt sich weder bei Menschen noch bei Maschinen sicher bestimmen.

Nur «Helen» scheint am Ende etwas zu verstehen: dass sie nämlich belogen worden ist – und deshalb verabschiedet sie sich mit einem melancholischen Kommentar. Das hat melodramatische Züge, ist näher beim «Frankenstein» als beim «Dr. Faustus». Powers zitiert beide Romane – und viele weitere mehr –, aber an Thomas Mann sollte man ihn wohl doch nicht messen. Der etwas gefühlige Schluss und eine gewisse Überladenheit des Romans sprechen dagegen. Unzweifelhaft aber gelingt Powers eines ausserordentlich gut: «Galatea 2.2» vermittelt ein plastisches Bild von den Entwicklungsstufen von Sprache bzw. von deren technischer Reproduktion. Und das gerade deshalb, weil der Roman sich nicht dem Reiz flimmernder Zeichen und uferloser Internet-Informationsströme anheimgibt, weil er nicht versucht, den Gestus der Computerwelt literarisch zu verdoppeln. «Galatea 2.2» wahrt Distanz durch den Rückgriff auf eine beglaubigte, wenn auch etwas abgegriffene literarische Form und bindet den Umgang mit High-Tech-Geräten dadurch zurück an eine Erfahrungswelt, die immer schon durch neue Techniken modifiziert, aber noch nie wirklich aus den Angeln gehoben worden ist. Ein Melodram vereinfacht die Welt, daran ist nicht zu rütteln; aber es transportiert meist auch schlichte Wahrheiten – in diesem Falle die Einsicht, dass noch jedes Zeitalter sich über seine Einzigartigkeit getäuscht hat.

Michael Schmitt -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

"Richard Powers Erfindungsreichtum und enzyklopädisches Wissen erinnern an den späten Thomas Mann und den frühen Thomas Pynchon ... Absolut brillant." (John Updike im New Yorker)

Kurzbeschreibung

»Helen lebt auf einem amerikanischen Campus, studiert englische Literatur und hat ihre Ängste und Sehnsüchte - eine Heldin zum Verlieben. Bemerkenswert, denn Helen ist ein Computer, das Produkt einer Wette, bei der es darum geht, ein Kunsthirn zu bauen, das das Examen besteht. Während er Helen zur Welt bringt, erinnert sich Powers, der sich selber ins Buch gesetzt hat, an sein Leben und seine Liebe zu Frauen und zur Literatur. Selten haben zwei Figuren so sentimental und witzig über Denken, Seele, Liebe und Einsamkeit nachgedacht wie Powers und Helen.«
Focus

carpe.com

Ein paar durchgedrehte amerikanische Wissenschaftler wetten, daß es ihnen gelingt, einen Computer so zu programmieren, daß er die Magisterprüfung in englischer Literatur besteht. Sie machen sich deshalb an einem der größten Computernetzwerke der Erde zu schaffen und füttern es mit zahllosen Büchern, Zeitungen, Fernsehnachrichten, Videos und schließlich auch mit Liebesbriefen. Logischerweise wird hierfür ein erfolgreicher Schriftsteller engagiert, der auch noch genauso heißt wie der Autor des Buches. Es kommt, wie es kommen muß: Der Computer, namens Helen, entwickelt eine Art Bewußtsein. Der Titel des Buches verrät es: Helena, Verzeihung: Helen, verliebt sich in Richard und umgekehrt Richard ein bißchen in Helen. Diese platte Handlung, basierend auf einer recht naheliegenden Idee, versucht Powers (der Autor) mit allerhand Tricks aufzupäppeln. Er erzählt z.B. eine elf Jahre währende, interkontinentale Liebesgeschichte zwischen Powers (dem Erzähler) und der Holländerin C., läßt den Schriftsteller sich in eine quirrlige Doktorantin verlieben und erfindet allerhand obskure Randfiguren und Nebenhandlungen.

Die Handlung an sich ist noch kein Ärgernis. Ärgerlich ist jedoch die Sprache, in der sich beispielsweise die Wissenschaftler unterhalten. Ständig versuchen sie sich, mit geistreichen Witzchen zu übertrumpfen, mit coolen Kalauern wie man sie aus amerikanischen Filmen hinlänglich kennt. Unerträglich sind viele schiefe Bilder ("Die Wärme des Tages blieb mir in der Kehle stecken") und vor allem die endlosen, pseudowissenschaftlichen Dialoge über technische Details, über Computer und Algorithmen, linguistische oder neurologische Finessen. Wenn der Erzähler in seinen eigenen Büchern liest, bricht aus ihm definitiv der Homo Faber hervor: "Methodisch las ich eine Zeile nach der anderen, bis das kortikale Sehzentrum in meinem Lobus occipitalis zu bluten anfing."

Der Klappentext preist Powers enzyklopädisches Wissen. Doch dieses entlarvt sich spätestens dann als schiere Geschwätzigkeit, wenn Helen altkluge Weisheiten eingebleut bekommt und ebensolche aus ihrem unendlichen Wissen montiert. Eine davon ist immerhin für den Roman symptomatisch: "Wo nichts verloren ist, kann wenig gefunden werden." --Matthias Kehle -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Über den Autor

Richard Powers, 1957 geboren, lebt in Urbania, Illinois. Bisher veröffentlichte er sieben Romane, zuletzt erschien auf deutsch >Galatea 2.2New York TimesEsquireTimeHarper's<.
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