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Ovid im Elektronenhirn
Richard Powers' Roman «Galatea 2.2»
Ovid berichtet in den «Metamorphosen» von Pygmalion, dem Künstler, der zum Frauenfeind geworden ist und sich aus Elfenbein ein ideales Wesen schnitzt. Er bittet Aphrodite, ihm eine Gattin zu schenken, die diesem Kunstwerk ähnlich ist, und als er darauf in der Werkstatt zärtlich an seiner Figur schleift und poliert, erwacht die Frauengestalt zum Leben. Die beiden heiraten, haben eine gemeinsame Tochter. Der überlieferte Name der elfenbeinernen Schönheit: Galatea.
Diese oder vergleichbare Geschichten von künstlich belebten Geschöpfen wandern durch Literatur und Kunst, immer neu auf der Höhe ihrer Zeit; mal als Komödie, dann wieder als Tragödie und nicht zuletzt als Melodram. Sie handeln von Sehnsucht, aber auch von menschlicher Hybris und von den Objekten dieser Begierden, die mit Gefühlen und Intellekt überfrachtet worden sind, um dann nur zu oft unter der Willkür ihrer Meister oder unter den Qualen des aufoktroyierten Bewusstseins vom eigenen Selbst zu leiden. An die Stelle des Künstlers tritt häufig der Wissenschafter, skrupellos oder kalt, mit fragwürdigen Hoffnungen und seltsam reduzierter Fähigkeit zur Selbstkritik. Die beseelten Geschöpfe entstehen seit der Romantik eher in den Werkstätten von Mechanikern oder im düsteren Labor von Dr. Frankenstein. Am Ende der Kette stehen bis jetzt High-Tech-Maschinen mit komplexen inneren Antrieben: exzellente Roboter, Cyberwesen, die rebellierenden Replikanten aus «Blade Runner».
EDV und Literatur
Man kann solche Szenarien als Satire erzählen, als tränenseliges Märchen oder als Science-fiction-Spektakel; aber auch als Geschichte von zunehmendem Spracherwerb und allmählichem Erwachen, als Studie zu technischen Konstrukten, die bewusstseinsähnliche Operationen in einem elektronischen Gehirn erzeugen wollen und können. «Galatea 2.2» ist die Fortsetzung der Ovidschen Metamorphose im Arbeitsspeicher eines Superrechners. Der Roman des jungen amerikanischen Autors Richard Powers, 1995 vom «Time Magazine» immerhin zu den fünf besten Büchern des Jahres gerechnet, zitiert wie ein Kompendium eine lange Tradition herbei, um sie fortzuschreiben, wie es Microsoft mit «Word»- oder «Windows»-Programmen zu tun pflegt.
Das Gerüst der Geschichte ist schnell erzählt: Ein junger Schriftsteller erhält ein Arbeitsstipendium an einem hochkarätigen «Zentrum», das allen möglichen Formen interdisziplinärer Forschungen gewidmet ist. Der Protagonist, ziemlich ausgebrannt und von seiner langjährigen Lebensgefährtin seit einiger Zeit getrennt, erhofft sich von diesem Aufenthalt eine Art von Sabbatjahr.
Nur zögernd lässt er sich auf Kontakte mit den übrigen Zentrumsangehörigen, sämtlichen EDV-Spezialisten, ein; schliesslich aber wird er in eine krude Wette verstrickt: Ist es möglich, einen Rechner zu konstruieren, der die Aufgabe einer Magisterprüfung im Fach Literatur zu bewältigen vermag, der also in der Lage ist, sich die einhundert Titel einer Leseliste einzuverleiben, um auf Prüfungsfragen von Professoren sinnvolle Antworten zu geben? Der junge Autor sieht sich unversehens gezwungen, zusammen mit einem bissigen, zynischen Kybernetiker binnen zehn Monaten ein solches Gerät zu erschaffen ein hirnrissiges Projekt in den Augen der meisten ihrer Bekannten, aber auch eine Zuflucht für einen desorientierten Menschen, der nach einem neuen Anfang sucht.
«Galatea 2.2» schildert nun die verschiedenen Stufen der Entwicklung von Implementen, widmet sich der Evolution von Speicherkapazitäten und Arbeitsprogrammen, der Vernetzung von immer mehr Rechnern zu immer komplexeren Einheiten. «Helen» heisst die Konfiguration, die nach grossen Anstrengungen Reflexionsvermögen und Bewusstsein zu haben scheint und sogar Einblick in die Regungen eines menschlichen Herzens. Zwischen dem Schriftsteller und dem Gerät entsteht eine immer engere Beziehung, und schliesslich ahnt der Mensch, dass er etwas vor sich hat, was man nicht mehr auseinanderbauen darf, ohne Schmerzen zuzufügen; aber er kann sich dabei niemals sicher sein, ob dieses Gegenüber nicht bloss ein Arbeitsprogramm hat, das Sätze strukturieren kann, die menschliches Bewusstsein täuschend echt kopieren.
Dialog der Seelenlosen
Diese Verunsicherung bei der Wertung von sprachlich artikulierten Empfindungen wird durch einen parallelen Handlungsstrang noch verstärkt. Während der Schriftsteller die Rechner mit Informationen füttert, erinnert er sich an die Beziehung zu seiner Freundin «C.» und an die Entstehung seiner ersten Romane. Er wird sich klar darüber, dass er ihrer beider Leben sprachlich geplündert, dabei aber auch ausgehöhlt hat. Er hat lange nur von sich erzählt und dabei keine Seele bewahrt; er hat sich in eine Einsamkeit hineinmanövriert, aus der, wie ihm scheint, nur der Dialog mit «Helen» ihn wieder herausführen könnte.
Powers folgt seinen beiden Handlungssträngen in einer kontrastierenden Konstruktion, in kurzen Kapiteln hin und her schaltend. Dabei lässt er die Grenzen zwischen menschlichem und maschinellem Bewusstsein verschwimmen. Das eine stellt das andere in Frage: Ein Mensch, der sich einer fremden Sprache nicht genügend bedienen kann oder dessen Sprache von wirklichen Empfindungen abgekoppelt ist, wirkt so bejammernswert oder lächerlich wie ein Computer mit enormem Speicher und mangelhaftem Programm. Wie, wo und wann Bewusstsein entsteht und ob entsprechende Redewendungen tatsächlich auf differenzierte Selbstreflexivität verweisen, lässt sich weder bei Menschen noch bei Maschinen sicher bestimmen.
Nur «Helen» scheint am Ende etwas zu verstehen: dass sie nämlich belogen worden ist und deshalb verabschiedet sie sich mit einem melancholischen Kommentar. Das hat melodramatische Züge, ist näher beim «Frankenstein» als beim «Dr. Faustus». Powers zitiert beide Romane und viele weitere mehr , aber an Thomas Mann sollte man ihn wohl doch nicht messen. Der etwas gefühlige Schluss und eine gewisse Überladenheit des Romans sprechen dagegen. Unzweifelhaft aber gelingt Powers eines ausserordentlich gut: «Galatea 2.2» vermittelt ein plastisches Bild von den Entwicklungsstufen von Sprache bzw. von deren technischer Reproduktion. Und das gerade deshalb, weil der Roman sich nicht dem Reiz flimmernder Zeichen und uferloser Internet-Informationsströme anheimgibt, weil er nicht versucht, den Gestus der Computerwelt literarisch zu verdoppeln. «Galatea 2.2» wahrt Distanz durch den Rückgriff auf eine beglaubigte, wenn auch etwas abgegriffene literarische Form und bindet den Umgang mit High-Tech-Geräten dadurch zurück an eine Erfahrungswelt, die immer schon durch neue Techniken modifiziert, aber noch nie wirklich aus den Angeln gehoben worden ist. Ein Melodram vereinfacht die Welt, daran ist nicht zu rütteln; aber es transportiert meist auch schlichte Wahrheiten in diesem Falle die Einsicht, dass noch jedes Zeitalter sich über seine Einzigartigkeit getäuscht hat.
Michael Schmitt -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Sie wollen mittels vernetzter Systeme einen Computer entwickeln, der Texte verstehen und interpretieren kann - einen Rechner, der am Ende die Magisterprüfung in Literatur bestehen soll.
Das Projekt, das für Powers zu Beginn eher ein interessanter Zeitvertreib ist, wird zu etwas größerem als ein bloßes Experiment über Spracherwerb, und während die Implemente immer komplexer und leistungsfähiger werden, entwickelt sich zwischen dem zynischen Lentz und Powers eine Art Freundschaft.
Das Computernetz, das schließlich den Namen „Helen" erhält, lernt durchs Zuhören. Powers, der zwischen den einzelnen Kapiteln immer wieder in Erinnerungen an seine große Liebe C., seine Vergangenheit und seine Bücher schwelgt, beginnt Helen vorzulesen: Die großen Werke der Weltliteratur, seine eigenen Roma-ne und schließlich sogar Liebesbriefe seiner ehemaligen Freundin.
Und Helen lernt.
Sie singt, sie stellt Fragen über sich und die Welt, sie will fremde Orte sehen.
Bald glaubt Richard in ihr eine Art von Bewusstsein erkennen zu können. Aber was „denkt" ein Computer, der die Welt nur unzureichend durch Sprache wahrnimmt? Ist das logische Schlussfolgern und Assoziieren Helens tatsächlich bewusstes Denken oder ist sie, wie Lentz glaubt, nur eine Maschine? Ist die erfolgreiche Simulation von Bewusstsein (wie sie der Turing-Test in der Informatik verlangt) Bewusstsein?
Der Autor verwebt seine Autobiographie, Spekulationen über Künstliche Intelligenz, Bewusstsein, Literatur und Sprache zu einem vielschichtigen und unterhaltsamen Roman. Das Motiv des Spracherwerbs - als das Sprechenlernen als Kind oder als Maschine, das Lernen einer fremden Sprache in einem fremden Land und die Rolle der Sprache allgemein tauchen immer wieder auf, genauso wie die Frage, was den Menschen ausmacht (die Helen am Ende des Romans auf ihre Art und Weise beantwortet).
„Galatea 2.2." ist die erste deutsche Übersetzung eines Romans von Richard Powers, dessen Bücher als schwer übersetzbar - da „uramerikanisch" - gelten. Trotzdem hat Werner Schmitz sehr gute Arbeit geleistet: Wenn die Übersetzung im Vergleich auch nicht an das Original heranreicht, so bietet sie doch ein Leseerlebnis, das den Leser nichts missen lässt.
Besonders prägnant ist Powers Stil, der zwar anspruchsvoll, aber dadurch nicht schwerer lesbar ist - „Galatea 2.2." ist eines der Bücher, die man gerne noch einmal lesen möchte, um sich die Passagen anzustreichen, die einem gefallen haben.
Typisch für den Autor ist die Verknüpfung der einander entgegen gesetzten Disziplinen Kunst und Wissenschaft, die er schon in früheren Romanen bemühte. Hier spielt auch sein persönlicher Hintergrund eine Rolle: Er studierte zuerst Physik und wechselte dann zu den Literaturwissenschaftlern.
Die Charaktere sind gekonnt entworfen und treffend gezeichnet. Lentz erscheint auf den ersten Blick zwar wie das Stereotyp des zynischen, verbitterten Wissenschaftlers, bekommt aber besonders durch die Tragödie seiner Ehe Farbe und wird dem Leser sympathisch.
Mein Fazit:
"Galatea 2.2" ist einerseits unterhaltsam und keine schwere Lesekost, regt andererseits aber auch zum Nachdenken an und lädt zum "Lesen mit dem Textmarker" ein.
Nebenbei bemerkt:
- Die im Roman genannte Stadt „U." ist übrigens nichts anderes als Powers' tatsächliche Heimatstadt, Urbana, Illinios.
- „Galatea 2.2." wurde 1995 vom «Time Magazine» zu den fünf besten Büchern des Jahres
Aber zum Buch selber - ich fand es sehr interessant, und ich dachte auch dass die Probleme der Linguistik und der AI Forschung recht gut behandelt worden sind. Ich bin mir nicht sicher wie die Uebersetzung gelungen ist - Powers' Prosa ist im Orginal sehr, sehr komplex und vielschichtig. Wie kann man etwa einen Dialog wiedergeben, in der das Englisch waehrend einer Diskussion ueber Satzbau ploetzlich eine deutsche Grammatik annimmt? Der Satz ueber die blutenden Sehzentren in den Schlaefenlappen ist ein weiteres Beispiel. Im amerikanischen Englisch gibt es durchaus den Ausdruck "I studied until my brain started to bleed". Der Satz ist dann eigentlich nur eine "studiertere" Version dieser Redewendung.
Ich wuerde das Buch ohne weiteres empfehlen. Powers ist einer der wenigen Authoren, denen es gelingt Konzepte der modernen Wissenschaft als Ausgangspunkt fuer Literatur zu verwenden, die auch Denkanstoesse liefert und so eine Bruecke schlagen zwischen den beiden Kulturen - Kunst und Wissenschaft - deren Trennung C.P. Snow beklagte.
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