Es ist oft ein kleiner Tropfen, der das Fass zum Überlaufen oder eine Situation zum Eskalieren bringt. Und manches Mal entsteht aus einer unbedachten Äußerung, einem falsch verstandenen Satz, ein gewaltiger Tsunami. Die ursprünglich kleine Amplitude wächst beim Auftreffen auf das Land zu einem riesigen Wellenberg, der eine Schneise der Verwüstung hinterlassen kann.
Analoges scheint mit dem Titel des Erzählbandes passiert zu sein. Besteht er im Spanischen noch aus zwei Worten, so entfaltet er sich im Deutschen zu dem unorthodoxen Konvolut "Der Tag, an dem Gabriel Nin den Hund seiner Tochter im Swimmingpool ertränken wollte". Derweil bringt es das weit weniger aberrante Original auf den Punkt. "En jaque" - zu Deutsch "im Schach" - ist einem Begriff aus dem rund tausend Jahre alten Brettspiel entnommen und bezeichnet die Situation des hilflosen Königs, dessen ausweglose Spielposition den Verlust der Partie andeutet.
Von der Aporie menschlicher "Figuren" erzählen die sieben Kurzgeschichten, mit denen Berta Marsé, die Tochter des großen spanischen Autors Juan Marsé, 2006 in Spanien debütierte. Die im gutbürgerlichen Milieu angesiedelten Handlungen der 39-jährigen Autorin offenbaren tiefgreifende Tragödien. Eben jener Tropfen zu viel lässt stabil und sicher scheinende Grundfeste zusammenbrechen wie ein Kartenhaus und nicht selten sind Kinder die Leidtragenden. Marsé lockt zunächst an, spielt mit den Worten wie ein leichter Sommerwind. Doch die Wolken ziehen bereits auf. Dann ein Blitz, ein Donner und das trügerische Idyll wird gespalten. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Nach und nach enthüllen ihre Protagonisten den vermeintlichen "Hinterhalt", "wie die ineinander verschachtelten Würfel in einem Baukastenspiel für Kleinkinder."
So wie in der titelgebenden Geschichte "Die Zaubermuschel". Ein Familienvater durchfährt von einem auf den anderen Moment eine psychisch-moralische Wandlung und mutiert vom liebenden zum gewalttätigen Menschen. Was ist passiert? Es ist der Tag vor Patricias Geburtstag. Vater und Tochter sitzen zusammen im Garten. Töchterchen hält die traute Familie mit Buntstiften auf Zeichenkarton fest, Daddy hingegen entwirft ein Charakterbild seiner Tochter für ein Schreiben an die zuständige Schulbehörde. Mit der zeichnerischen Darstellung hat Patricia ihre liebe Not. Ein eigenartiges Gebilde schwebt über Mamas Kopf. Es ist Mamas Zaubermuschel, verkündet die kesse Kleine ihrem Vater. "Und wenn du mir nicht glaubst, dann frag Onkel Edu. Er weiß, dass Mamas Muschel zaubern kann, deshalb will er sie immer von ihr. Und Mama hat sie ihm schon oft gegeben!" Peng! Das sitzt. Der offensichtlich gehörnte Ehemann sieht rot. Das Schlimme daran, Patricia versteht überhaupt nicht, was sie da eigentlich gesagt hat, warum sie in ihrer Unschuldigkeit brutal bestraft wird.
Ähnliche fatale Erschütterungen, die einer diffusen trügerischen Harmonie vorausgehen, offenbart Berta Marsé in allen folgenden Erzählungen. Sie berichtet von einem Schildkrötenmalwettbewerb, aus dem sich ein Grafiker mit Ideenblockade Inspiration erhofft. Tatsächlich fördern die Kleinen fantasievolle Echsen zu Tage. Bis, ja bis eine Zeichnung zu deutlich an ein männliches Geschlechtsteil erinnert.
Auf einer Paddelboottour wiederum macht die adrette Hostess ihrem kurz vor dem Durchbruch stehenden Fußballamateur ein so schier unsagbares Geständnis, das wiederum eine Menge weiterer erstaunlicher Enthüllungen aus den Tiefen der verschleierten Erinnerungen nach sich zieht und man meint, der "Rocky Horror Picture Show" beizuwohnen.
Bildhaft und plastisch skizziert Berta Marsé ihre Protagonisten, um sie anschließend schamlos zu sezieren. Sie hat in ihren Texten Fährten ausgelegt. Kleine unscheinbare Worte, die beim aufmerksamen Lesen bereits den fatalen Köder erahnen lassen, der unweigerlich zum "Knock Out" führt. Wie ein roter Faden webt sich das Thema "Familiäre Geheimnisse" durch alle Geschichten. Dabei hüllt sie familiäre Dramatik in wundervollen Humor, der zwar die Kontraste des Gezeichneten mildert, dessen inhaltlicher Schärfe jedoch keinen Abbruch tut.
Einer Lösung all ihrer kumulierenden Dramen verweigert sich die Autorin jedoch konsequent.
Die Nähe zu ihrem Autoren-Vater ist ihrem schriftstellerischen Debüt anzumerken. "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm" wäre ein treffender Vergleich. Doch nicht immer zeichnet sich genetische Verwandtschaft vorteilhaft aus. Ein Übervater kann gleichwohl hemmend sein. Aber Berta Marsé hat sich wohltuend gelöst.
Fazit:
Aus einer hochexplosiven Mischung, aggressiv und ironisch zugleich, voller Sprachwitz und Situationskomik auf der einen Seite, tiefem Entsetzen und Offenlegung menschlicher Abgründe auf der anderen, ist der Autorin ein glanzvoller erster "Seitenhieb" gelungen. Mehr davon!