Von den zehn Gründen, die fürs Baltikum sprechen, gefallen mir a) die Honigmassage im Kurort Druskininkai und b), weil Sankt Petersburg nahe rückt, und - schön dass hier erwähnt - c) "weil ab Ende August die meisten Zugvögel aus dem Baltikum fortfliegen; zu Tausenden heben Gänse, Schwäne und Storche in Nationalparks wie dem lettischen Engure und dem estnischen Vilsandi ab. Ein erhebendes Bild bei ohrenbetäubendem Geschnatter."
Neben den sieben weiteren Gründen findet sich in der Rubrik "Kompass" des 2007er GeoSpecial "Baltikum: Estland, Lettland, Litauen", viel nützliches, informatives, die Neugierde befriedigendes.
Der Stadttyp-Test des Matthias Kolb macht nicht wenig Spaß. Es ergab sich Vilnius, die Hauptstadt Litauens ("Vilnius ruht gelassen in sich selbst"), als meine Favoritin. Da könnte etwas dran. Wilna, die "Kleine Welle" an der Vilnia. Es unterlagen Tallinn, wo ich tatsächlich auch noch nie war, und Riga. Nichts desto trotz finden sich auch von diesen beiden Städten schöne Beschreibungen. Tallinn, deren Altstadthäuschen "so dicht stehen, als müssten sie einander stützen." Und Riga, die größte Stadt des Baltikum, bekannt für ihren Markt, wo "Fische schwimmen in Bottichen, Metzger teilen Schweine in Hälften, auf den Tischen stapeln sich Tomaten, Zwiebeln und Gurken."
Interessant und berührend, der Bericht über die elternlosen Buben und Mädchen, Tausende ostpreußische Kinder, die nach dem Zweiten Weltkrieg ziellos in den Flüchtlingsströmen entgegengesetzte Richtungen flohen, danach zumeist in Litauen landeten: "Die kleinen Deutschen". Die wenigen, die Glück hatten, wurden von gutherzigen Litauern aufgenommen und großgezogen. Andreas Wenderoth fand ihre Spuren.
"Und wer nicht singt, der küsst" - Kein Wunder, dass der mittelalterliche Fotograf Hardy Müller, der die fotografischen Eindrücke auf dem estländischen Viljandi-Volksmusikfestival festhielt und beisteuerte, sich wünschte, nochmals 20 Jahre alt gewesen zu sein. Sie haben vieles - Flair und Pathos - die Sänger- und Musikfestivals des sommerlichen Baltikums. Denn die Volksmusik in jenen Gegenden, so ist zu erfahren, wird "nicht nur von schunkelnden Senioren geliebt. Sie ist Teil der Jugendkultur."
"Schlafen beim Grafen", die redaktionell schön aufbereitete versteckte Werbung nobler Hotels in ländlichen Regionen Estlands und Lettlands, kann man genüsslich verschlafen. Schön aufbereitete versteckte Werbung: seit vielen Jahren bedauernswert unvermeidbarer Bestandteil der GeoSpecial-Hefte.
"Jahrhundertealt ist die Tradition des Bernsteinfischens an der litauischen Küste", hierüber informiert uns Christian Sywottek. Der Bernstein, die Urzeit bewahrend, das "Gold der Ostsee", war zu alten Zeiten die wichtigste Handelsware dieser Ostseeregionen. "Von November bis März schwemmt ihn die Ostsee an die Küste", (...) "bis weit hinauf ins südliche Lettland."
Stimmungsvoll - und nicht wenig appetitlich - ist Philipp Mausshardts Bericht über "Die Waldmenschen", die Selbstversorger und Hüter alter Rezepte, "sie suchen nach Pilzen, Beeren und wildem Honig", die Menschen der Dzukija, im südlichen Litauen. Ja, die Rezepte. In den Kochbuchregalen der Buchhandlungen dieser Welt, auch der virtuellen wie hier bei amazon, sucht man sie vergeblich. "Mohnmilch, eingemachte Grünlinge, Honiglikör, Tee aus Blaubeerblättern und Bohnenhülsen - sie werden mit den Alten verschwinden."
Das ist die Vielgesichtigkeit des Baltikums - im GeoSpecial spiegelbildlich wiedergegeben. Ein Parforceritt durch Städte und Landschaften, Ostsseestrand und Hinterland.
Es bleibt die Frage, wie man diese Länder, von der Finanz- und Wirtschaftskrise teilweise arg gebeutelt, das Armenviertel der EU, touristisch fördern kann. Was können die Länder selbst dazu beitragen? Schwer zu sagen, wenn sogar - wie am Beispiel Lettlands - die Renommierunternehmen des Landes wie Latvijas Balzams oder der Schokoladenproduzent Laima so etwas wie Besuchergruppen oder Betriebsbesichtigungen nicht im Programm haben. "Aus schäbigen Buden preisen die Händler lauthals 'Rigas Melnais Balzams' an, den dunklen Kräuterschnaps, der zwar Balsam heißt, aber Kopfschmerzen verursacht."
Da ein GeoSpecial immer auch eine Art kleiner Fotoband ist, dürfen die Fotografen nicht unerwähnt bleiben. Hier steht "Die Mandelrösterin" des Hardy Müller, der Ich-Möchte-Nochmals-Zwanzig-Sein-Fotograf aus Ludwigshafen, an erster Stelle. Ins Auge fällt "Die Pilzblickperspektive" von Tamas Deszo. "Prachtstück in Stuck" von Yadid Levy ist ordentliches Handwerk. "Fernsehen" von Andreas Teichmann muss man lieb haben. Yves Gellie bekam die Ehre der GeoSpecial-üblichen einführenden Fotostrecke. Hier überzeugen "Die Schilfgürtel von Saaremaa", "Flussidyll im Karula-Nationalpark" und die "Storchengrazie".