Über die alten Germanen ist viel geschrieben worden, doch vieles davon gehört in das Reich der Mythen, denn nicht immer war es Ziel des Berichterstatters, seine Leser auch wirklich zu informieren. So war es das Anliegen des Tacitus, einer der ältesten Quelle über die Germanen, seinen dekadenten und egoistischen Zeitgenossen in Rom das Gegenbild einer vermeintlich edleren, unverdorbenen und einfacheren Kultur vor die Nase zu halten, und Rousseau hätte denn auch wahrscheinlich an den Germanen des Tacitus seine Freude gehabt. Bei wieder anderen, wie dem Deutschtümler Wagner, diente das Germanenbild von geflügelten Riesenhelmen tragenden Kraftprotzen in Kettenhemden wahrscheinlich ebenso sehr der Selbsttherapie wie dem Versuch, dem deutschen Nationalismus zu illustren Traditionen zu verhelfen.
Diese traditionsbildende Funktion des Germanenbildes wird in dem vorliegenden Heft von GEO-Epoche mit fundierten Erkenntnissen hinterfragt. Am Anfang des Heftes steht ein Überblick über die wichtigsten Stämme der Germanen, der vor allem eines deutlich macht: Dass sich die Germanen nie wirklich als Germanen, sondern als Kimbern, Chauken, Cherusker, Sueben und Angehörige anderer Völkerscharen gesehen haben.
Ein weiterer Mythos ist der der Varusschlacht, nach dem ein teutscher Recke namens Hermann aus Freiheitswillen und Nationalbewusstsein die römischen Invasoren in einer heldenhaften Schlacht besiegt hat. Der sehr ausführliche Artikel über die Varusschlacht von Ralf-Peter Märtin in diesem Heft zeichnet ein ungleich differenzierteres Bild von dem Cheruskerfürsten Arminius, das sich nicht in Schwarz-Weiß-Malerei - auch nicht in umgekehrter - ergeht.
Ein sehr erhellender Artikel von Cay Rademacher beschäftigt sich mit den eher friedlichen Handelstransaktionen zwischen Römern und Germanen, die jahrzehntelang am Limes stattfanden; dort wird auch deutlich, wie stark die Germanen in Limesnähe sich von der römischen Zivilisation prägen ließen.
Ein weiterer sehr empfehlenswerter Artikel zeigt, wie um 50 vor unserer Zeitrechnung von Bauern ein Dorf im Marschland an der Wesermündung errichtet wurde. Sehr anschaulich wird hier dargestellt, wie die Menschen in der Antike die Grundlagen ihres Daseins einer unwirtlichen Natur abtrotzen mussten. Außerdem erfahren wir hier einiges über das Alltagsleben der Germanen.
Auch die Christianisierung der Germanen, die wechselvollen Beziehungen zwischen Römern und Goten während der Völkerwanderung, die Sachsenkriege und der Kern der Nibelungensage sind Themen, denen man sich in diesem Heft differenziert und kenntnisreich auseinandersetzt.
Diese Ausgabe besticht einmal mehr durch atemberaubende Photos, aber auch durch auf archäologische Forschung aufgebaute Computerbilder, und ich bin sicher, dass hier ein Germanenbild gezeichnet wird, das auf dem neuesten Stand der Forschung ist.
Die dem Heft beiliegende DVD bringt eine im Auftrag des WDR produzierte Dokumentation in drei Teilen, die sich vor allem mit den meist kriegerischen Beziehungen zwischen den Germanen und ihren römischen Nachbarn befasst. Anhand archäologischer Funde werden fiktive Biographien konstruiert, die aus der Perspektive der damals Lebenden vom Jahr 55 vor unserer Zeitrechnung bis ins dritte nachchristliche Jahrhundert einen Einblick in die Alltagsgeschichte vermitteln.
Sowohl Heft als auch DVD kann ich deshalb uneingeschränkt empfehlen.