Der Begriff "Kapitalismus" wird gerne als Schimpfwort verwendet. Möglichst noch aufgeblasen als "Raubtier-/Heuschrecken-Kapitalismus". Dabei bedeutet Kapitalismus vor jeder Wertung zunächst einmal eine bestimmte Art und Weise wie Gesellschaften in der jüngeren Geschichte der Menschheit sich im "Westen" und zunehmend global wirtschaftlich organisieren. Diese Art der Wirtschaft hat Folgen für fast alle anderen Bereiche der Gesellschaft. Das wird deutlich, wenn zum Beispiel auch "Gesundheitsdienste und -produkte" als eine Ware verstanden werden, mit der Gewinn gemacht werden darf. Ja, in der Logik dieses System gemacht werden muss, damit optimal mit "Gesundheit" gewirtschaftet wird.
Der Autor stellt seine eigene klare Definition des Begriffs K. an den Anfang seines etwa 70seitigen Kapitels zur Theorie und erweitert sie systematisch durch die Einbeziehung von Aspekten, die Marx, aber auch Soziologen und Historiker wie Braudel, Schumpeter, Max Weber, Wallerstein und andere erarbeitet haben. Auf den folgenden 220 Seiten wird dann in neun chronologischen Kapiteln die Geschichte von Feudalismus (als Vorläufer) und Kapitalismus bis in die Gegenwart dargelegt. "Kurze Geschichte" einer Gesellschaftsordnung, die schon fast 500 Jahre auf dem Buckel hat.
Wer nun glaubt, das alles könne nur oberflächlich und skizzenhaft werden, sieht sich zum Glück eines Besseren belehrt. Der Autor verfügt über eine fast universell zu nennende Bildung in den sogenannten Gesellschaftswissenschaften, die weit über ein breites historisches Wissen hinaus geht. Er bietet eine schier unglaubliche Fülle von historischen Fakten, Definitionen und Bezügen auf andere wissenschaftliche Literatur.
Eine klare, zum Teil bewusst schematisierende Gliederung, kurze, übersichtliche Kapitel mit treffenden Überschriften und Zusammenfassungen - die Fähigkeit des Autors zur kompakten, klaren Darstellung ist bewundernswert. Trotz des zum Teil recht "trockenen" Themas ist das alles gut lesbar, weil gedanklich klar und sprachlich sauber. Das ausgezeichnete Literaturverzeichnis und die Zitate sollten zu weiterer Lektüre geradezu Türöffner sein.
Zugegeben: Hobsbawm (diesen ähnlich universellen britischen Historiker zitiert Fülberth oft und in zentralen Kapiteln) liest sich spannender. Und die Schwierigkeiten historische Zusammenhänge frühzeitig und treffend zu erkennen bleiben weitgehend außen vor. Eine gewisse Neigung zum Lehrbuch, in dem fertige Resultate präsentiert werden, wird man dem pensionierten Professor nachsehen müssen. Die Kunst müsste jetzt darin bestehen über die Lehrsätze zu diskutieren. Ein Meister der Darstellung hat sein Material dafür ausgebreitet.