Die Diskussion um das Matriarchat scheint mittlerweile zu einer Diskussion um die Auslegung von Mythen geworden zu sein.
Göttner-Abendroth umreißt ihre Hermeneutik mit der Feststellung: "Ich deute Mythologie sozialhistorisch [?] Mythologie wird von mir als Ausdruck komplexer gesellschaftlicher Praxis ernst genommen und damit zur reichen Informationsqulle über den Aufbau und die Denkweise archaischer Gesellschaften."
Dies gelte allerdings nicht mehr in "von herrschenden Schichten überlagerten Gesellschaften", worunter sie vermutlich die meisten nicht-matriarchalen Mythen versteht.
Göttner-Abendroth nimmt die Mythen, wenn ich sie richtig verstehe, nicht für bare Münze, sondern versucht, aus ihnen allgemeine Muster herauszuarbeiten, die wiederum Rückschlüsse auf die soziale Stellung der Frau zulassen sollen. Sie selbst spricht von dem "Strukturschema matriarchaler Mythologie", das einerseits ein sehr differenziertes Weltbild enthalte und andererseits "das Muster aller analogen Vorstellungswelten um den Erdball".
Dieses Strukturschema ist grob gesagt ein "Dreierschema, in das sich alle Details einbetten lassen". In ihm erscheine eine Göttin in drei Personen: junges Mädchen, erwachsene Frau und Greisin. Für die Autorin handelt es sich dabei um eine Urform der Dreifaltigkeit.
Das zweite (unwichtigere) Dreierschema bezieht sich auf den "Heros", den männlichen Teil, der ebenfalls in den Geschichten auftaucht, aber der Frau zugeordnet sei.
Das Hauptproblem des Buches sehe ich darin, dass die Autorin nicht deutlich macht, was sie gerade begründet und was sie voraussetzt: z.B. deutet sie die Liebschaften der Aphrodite als "patriarchal deformierte" Darstellung. Sie sagt aber nicht, woher sie die ursprüngliche Fassung kennt, die sie dann ausführlich darlegt. Und das ist kein Einzelfall: wann immer auch nur ein Symbol für den Himmel, die Unterwelt, Entstehen und Wiedergeburt oder einfach die Zahl 3 auftaucht, ist das für sie eine Spur des Matriarchats. Was nicht ins Schema passt, ist patriarchale Deformation. Tatsächlich passen die meisten ihrer angeführten Mythen ausgesprochen schlecht zu ihrem "Strukturschema" und man wird den Eindruck nicht los, als verwende die Autorin sie als Symbol-Steinbruch für ein Matriarchat, das sie bereits zu kennen glaubt. Die Beispiele wirken daher oft sehr gewollt.