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Auszug aus Götterdämmerung. von Tanja Kinkel. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
»Owen sagt, du warst nicht mehr in der Kirche, um für mich zu beten«, flüstert die Stimme seiner Mutter, und weil es ein Traum ist, hört er sie und hört gleichzeitig seinen Vater klagen, wie alles anders hätte werden können, wenn sie ihn nicht verlassen hätte. Vater ist wieder betrunken und weigert sich, Mutter anzusehen. Er hält die geschwollene Hand seiner Mutter in der Linken, aber die Hand seines Vaters zerrt an seiner Rechten. Er sitzt an der Seite der Mutter auf der Couch, die mit Großmutters so sorgfältig genähtem Quilt ausgelegt wurde, aber die Decke besteht nicht mehr aus Stoffstücken. Nein, es ist ein Flickenteppich aus Papier; und aus seinen Fingerspitzen, über die aufgeschwemmte Hand seiner Mutter und die verknorpelte seines Vaters, fließt schwarze Tinte, so klebrig wie die Reste des Zitroneneises auf seinen Lippen, aber er kann seine Hände nicht losreißen, und die schwarze Tinte hört nicht auf zu fließen. »Das ist nicht genug, Neil«, sagt seine Mutter. »Ich brauche ein Wunder.«
»Du Idiot hast dich immer für was Besseres gehalten«, zischt sein Vater. »Es ist deine Schuld. Du siehst doch, was du anrichtest mit dieser Schreiberei!«
Seine Mutter legt ihre Linke leicht auf sein Haar, lässt ihre Finger darüber gleiten, und diese selbstverständliche zärtliche Geste ist die schlimmste von allen, denn er weiß genau, dass jetzt Hautfetzen zurückbleiben werden und Nägel sich langsam in seinen Schädel arbeiten. Und doch kann er sich nicht losmachen. Das würde sie verletzen.
»Hilf mir«, bittet seine Mutter inständig, und er wendet sich ab, um ihre Tränen nicht zu sehen, und über ihre Schulter hinweg sieht er Deirdre, seine Frau, die im Türrahmen steht, durch den Licht fällt, hell und kalt wie der Norden. Deirdre steckt die Hand nach ihm aus, und er will aufstehen und kann nicht, will aufstehen, um die Hand zu ergreifen.
»Versteh mich«, beginnt er, »bitte ...«, und wie jedes Mal schüttelt seine Frau langsam den Kopf und weicht Schritt für Schritt zurück, bis das fahle kalte Licht im Raum jenseits der Tür sie verschluckt. Er kann nicht sehen, dass sie die Tür schließt, aber er hört etwas ins Schloss fallen und weiß im gleichen Moment, er hat sie für immer verloren.
Er war wach. Spürte einen fremden Geschmack auf seinen Lippen. Es hatte etwas Verstörendes: Das waren nicht die Zigaretten; er rauchte seit ein paar Monaten nicht mehr, aber es wunderte ihn nie wirklich, wenn er doch manchmal der Versuchung nachgab. Leichter wäre es für ihn, nicht zu rauchen, wenn nicht überall diese lächerlichen Verbotsschilder hingen. Von seinem inneren Anarchisten war über die Jahre vielleicht nicht mehr viel geblieben, Verbote aber lockten ihn wieder hervor.
Es war kein Zitroneneis, auch nicht der billige Fusel, den Ginny ihren Gästen servierte. Anders als mit den Zigaretten, hatte er mit Alkohol nie ein Problem gehabt, und er fand es auf seine eigene Weise amüsant zu beobachten, wie der Rest einer Gesellschaft sich durch ständig steigernde Lustigkeit gegenseitig übertreffen wollte, während ihn Alkohol eher ruhig machte. »Das ist der Snob in dir«, hatte Matt einmal bemerkt und natürlich Recht gehabt.
Er fühlte sich benommen und desorientiert, doch wieder einzuschlafen, war keine Lösung. Nicht nach seinem Traum. Wieder fuhr er mit der Zunge über Zähne und Lippen, seine Verwirrung wuchs. Parfum und Schweiß, eine Mischung, die ihm neu war. Ein unbekannter Geschmack in seinem Mund, ein fremder Geruch auf seiner Haut. Ein teures Parfum, so wie man es verwendet, wenn man den eigenen Körpergeruch verbergen will. Der Name, er versuchte sich an ihren Namen zu erinnern. Ein Bild schob sich stattdessen in sein Gedächtnis, der schönste Po, den er seit langem gesehen hatte. Nur das Tattoo darauf hatte ihn gestört; chinesische Schriftzeichen, die ihn unweigerlich an die Speisekarte eines chinesischen Restaurants denken ließen. Aber es waren hinreißende Formen, die er ganz seinem Tastsinn überlassen hatte. Und dennoch wusste er: Es war wieder eine Nacht gewesen, die er bereuen würde.
Die Erkenntnis kam, wie üblich, zu spät.
Verstört setzte er sich auf. Das graue kühle Licht, das durch das Dachlukenfenster in sein ...
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Tanja Kinkel
Götterdämmerung
Erscheint am 5. September 2003