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Götterdämmerung
 
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Götterdämmerung [Gebundene Ausgabe]

Tanja Kinkel
3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (48 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Focus

»Tanja Kinkel kann sich messen mit Autoren wie Noah Gordon.«

Münchner Merkur

»Tanja Kinkel zeigt einmal mehr ihr großes erzählerisches Talent.«

Facts

»Tanja Kinkels Stärke ist die Psychologie, ihre Figuren sind facettenreich und glaubwürdig.«

Der Spiegel

»Trotz der Opulenz ihrer Geschichten vermag sie ihr Personal klar zu führen, die Spannungsbögen zu straffen.«

Kurzbeschreibung

Neil LaHaye, ein erfolgreicher amerikanischer Journalist und Pulitzer-Preisträger, steckt in einer tiefen Lebenskrise. Um irgendwie wieder auf die Füße zu kommen beschließt er, ein Buch über Aids, die Pest des 21. Jahrhunderts, zu schreiben. Gleich zu Beginn seiner Recherchen fallen Neil merkwürdige Dinge auf. Was hat das geheimnisvolle Verschwinden des Laborarztes Dr. Sanchez mit seinem Arbeitgeber, einem mächtigen Pharmakonzern, zu tun? Neils Jagdfieber erwacht. Er stößt auf mysteriöse politische Verstrickungen - die Spuren führen geradewegs ins Pentagon.

Über den Autor

Tanja Kinkel, geb. 1969 in Bamberg, verfasste bereits im Alter von acht Jahren ihre erste Erzählung. Heute ist die promovierte Germanistin eine der erfolgreichsten Autorinnen historischer Romane, die regelmäßig die Bestsellerlisten erobern und in neun Sprachen übersetzt werden. Schon 1992 wurden ihre ersten beiden Bücher mit dem Bayerischen Staatsförderpreis für junge Schriftsteller ausgezeichnet. 'Wenn es nicht wahr ist, dann ist es eine gute Geschichte', so zitiert Tanja Kinkel ein italienisches Sprichwort und umschreibt damit zugleich ihr persönliches Erfolgsrezept.

Auszug aus Götterdämmerung. von Tanja Kinkel. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Es ist immer das gleiche lähmende Gefühl, mit dem sein Traum beginnt, der Alptraum, der sich seit seiner Kindheit in ihn gekrallt hat und ihn nicht mehr loslässt, der Traum, der sich nur hin und wieder für ein Jahr oder zwei ruhig verhält und dann wieder drohend seine Zähne zeigt. Es ist immer das Gleiche. Da ist der Geschmack von Eiscreme auf den Lippen, Zitroneneis, für das er eine halbe Stunde bis zur Tankstelle gelaufen ist, weil es sonst in Morrow nirgendwo welches gibt. Die schwüle Hitze des Sommers in Louisiana. Da ist der Geruch von vertrockneten Magnolienblättern aus dem Frühjahr, Kaffee und Tabak. Lavendel und Kölnisch Wasser, überall, und dahinter das, was es überdecken soll, der Gestank von Arznei und Fäulnis.
»Owen sagt, du warst nicht mehr in der Kirche, um für mich zu beten«, flüstert die Stimme seiner Mutter, und weil es ein Traum ist, hört er sie und hört gleichzeitig seinen Vater klagen, wie alles anders hätte werden können, wenn sie ihn nicht verlassen hätte. Vater ist wieder betrunken und weigert sich, Mutter anzusehen. Er hält die geschwollene Hand seiner Mutter in der Linken, aber die Hand seines Vaters zerrt an seiner Rechten. Er sitzt an der Seite der Mutter auf der Couch, die mit Großmutters so sorgfältig genähtem Quilt ausgelegt wurde, aber die Decke besteht nicht mehr aus Stoffstücken. Nein, es ist ein Flickenteppich aus Papier; und aus seinen Fingerspitzen, über die aufgeschwemmte Hand seiner Mutter und die verknorpelte seines Vaters, fließt schwarze Tinte, so klebrig wie die Reste des Zitroneneises auf seinen Lippen, aber er kann seine Hände nicht losreißen, und die schwarze Tinte hört nicht auf zu fließen. »Das ist nicht genug, Neil«, sagt seine Mutter. »Ich brauche ein Wunder.«
»Du Idiot hast dich immer für was Besseres gehalten«, zischt sein Vater. »Es ist deine Schuld. Du siehst doch, was du anrichtest mit dieser Schreiberei!«
Seine Mutter legt ihre Linke leicht auf sein Haar, lässt ihre Finger darüber gleiten, und diese selbstverständliche zärtliche Geste ist die schlimmste von allen, denn er weiß genau, dass jetzt Hautfetzen zurückbleiben werden und Nägel sich langsam in seinen Schädel arbeiten. Und doch kann er sich nicht losmachen. Das würde sie verletzen.
»Hilf mir«, bittet seine Mutter inständig, und er wendet sich ab, um ihre Tränen nicht zu sehen, und über ihre Schulter hinweg sieht er Deirdre, seine Frau, die im Türrahmen steht, durch den Licht fällt, hell und kalt wie der Norden. Deirdre steckt die Hand nach ihm aus, und er will aufstehen und kann nicht, will aufstehen, um die Hand zu ergreifen.
»Versteh mich«, beginnt er, »bitte ...«, und wie jedes Mal schüttelt seine Frau langsam den Kopf und weicht Schritt für Schritt zurück, bis das fahle kalte Licht im Raum jenseits der Tür sie verschluckt. Er kann nicht sehen, dass sie die Tür schließt, aber er hört etwas ins Schloss fallen und weiß im gleichen Moment, er hat sie für immer verloren.

Er war wach. Spürte einen fremden Geschmack auf seinen Lippen. Es hatte etwas Verstörendes: Das waren nicht die Zigaretten; er rauchte seit ein paar Monaten nicht mehr, aber es wunderte ihn nie wirklich, wenn er doch manchmal der Versuchung nachgab. Leichter wäre es für ihn, nicht zu rauchen, wenn nicht überall diese lächerlichen Verbotsschilder hingen. Von seinem inneren Anarchisten war über die Jahre vielleicht nicht mehr viel geblieben, Verbote aber lockten ihn wieder hervor.
Es war kein Zitroneneis, auch nicht der billige Fusel, den Ginny ihren Gästen servierte. Anders als mit den Zigaretten, hatte er mit Alkohol nie ein Problem gehabt, und er fand es auf seine eigene Weise amüsant zu beobachten, wie der Rest einer Gesellschaft sich durch ständig steigernde Lustigkeit gegenseitig übertreffen wollte, während ihn Alkohol eher ruhig machte. »Das ist der Snob in dir«, hatte Matt einmal bemerkt und natürlich Recht gehabt.
Er fühlte sich benommen und desorientiert, doch wieder einzuschlafen, war keine Lösung. Nicht nach seinem Traum. Wieder fuhr er mit der Zunge über Zähne und Lippen, seine Verwirrung wuchs. Parfum und Schweiß, eine Mischung, die ihm neu war. Ein unbekannter Geschmack in seinem Mund, ein fremder Geruch auf seiner Haut. Ein teures Parfum, so wie man es verwendet, wenn man den eigenen Körpergeruch verbergen will. Der Name, er versuchte sich an ihren Namen zu erinnern. Ein Bild schob sich stattdessen in sein Gedächtnis, der schönste Po, den er seit langem gesehen hatte. Nur das Tattoo darauf hatte ihn gestört; chinesische Schriftzeichen, die ihn unweigerlich an die Speisekarte eines chinesischen Restaurants denken ließen. Aber es waren hinreißende Formen, die er ganz seinem Tastsinn überlassen hatte. Und dennoch wusste er: Es war wieder eine Nacht gewesen, die er bereuen würde.
Die Erkenntnis kam, wie üblich, zu spät.
Verstört setzte er sich auf. Das graue kühle Licht, das durch das Dachlukenfenster in sein ...

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Tanja Kinkel
Götterdämmerung
Erscheint am 5. September 2003

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