Hier ist endlich das zweite Werk der von Gottlieb Guntern geplanten Trilogie zur schöpferischen Renaissance von Wirtschaft, Verwaltung und öffentlichem Leben. Der erste Band kämpfte für mehr Kreativität und gegen die Widerständigkeit des Mittelmässigen, gegen die bürokratischen Scheuklappen seines Landes (der Schweiz) und der Welt.
Nach dieser Problembeschreibung folgt nun der Lösung erster Teil: So segensreich die Spezialisierung und Arbeitsteilung der Moderne waren, so sehr hindert sie uns nun, für das Ganze die kreative Kehrtwende zu finden. Wir stecken fest in den uns zugewiesenen, überspezialisierten Kompetenzzellen.
Dabei stehen deren Zellentüren schon lange offen. Uns fehlt nur der Mut für einen weiten Blick aus dem Zellenfenster und für einen beherzten Schritt durch die Tür. Was Guntern besonders schmerzt ist, dass es selbst unseren Führungseliten an diesem kreativen Mut mangelt. Vor allem an sie richtet sich daher dieses Buch. Das Ziel: Die Entmythologisierung der lebenstötenden Idee des Übernatürlichen.
Was hat das Übernatürliche mit Überspezialisierung zu tun? - Der Glaube an eine unsichtbare Hand, die das Miteinander der Spezialisten richtet. Was schlägt Guntern vor, das diesen Glauben erschüttern und ersetzen könnte? - Ein grosser Schritt zurück in die Geburtszeit unserer heutigen Mythen.
Seine Methode wirkt erstmals verblüffend, führt er die Leserinnen und Leser doch ein in die drei mythologischen Bereiche, die unserer abendländischen Kultur zugrunde liegen: Göttermythen, Heldensagen und Schamanengesänge. Von den Olympiern können wir Chaos, Freizügigkeit und Spontaneität lernen, von den alten Helden die läuternde Kraft der Schicksalsschläge und von den Schamanen, dass das sich Einlassen auf die Ängste und Nöte seiner Mitmenschen, "übernatürliche" Kräfte mobilisieren kann.
Guntern ist kein New Age Apostel. Im Gegenteil, seine Interpretationen unserer mythologischen Wurzeln bedient sich der Modelle und Begriffe modernen Systemtheorie. Trotzdem bleibt sein Buch sehr gut lesbar.
Fazit: "Vision is looking far back into the future." Ein befreiender Rückblick in unsere mythische Vergangenheit, weit voraus in unsere kreative Zukunft. Vorsicht: Eine gefährlich anregende und erhellende Mischung.