Dieses Buch packt mich immer wieder und ich kann es nach vielen Jahren immer noch nicht so recht greifen. Unbestritten ist der Schreibstil von Selma Lagerlöf brilliant und verdient 5 glatte Sterne. Die Art, wie sie Sage und Erzählung miteinander verbindet, wie scheinbar lose Elemente zu einem großen Ganzen zusammengefügt werden, ergeben ein dicht gewebtes Netz, welches den Leser gebannt hält. Ähnlich wie in Nils Holgerson gibt sie dem Land Schweden und seinen Wäldern, Seen und Flüssen Character und Emotionen welche mit den Menschen zusammentreffen und eine gemeinsam Dynamik entwickeln - mat vereint, mal im Kampf. Ihre Beschreibungen sind überwältigend, und man meint stellenweise die Wälder rauschen und das Wasser donnern zu hören oder aber die milde Maibrise beim Lesen auf der Haut zu spüren. Aber auch die Beschreibungen von Bällen, Markttagen und Gottesdiensten sind so intensiv, daß man zumindest den inneren Film sieht, wenn man nicht gar meint dabei gewesen zu sein.
Allerdings ist das Buch keine geschlossene Geschichte, sondern eher eine Aneinanderreihung von empathisch geschilderten Begebenheiten, welcher die Person des Gösta Berling als Träger zu dienen scheint. Gösta selbst ist fast schon ein Zufallsprodukt und das Buch ist de facto weit entfernt davon, ein Entwicklungsroman zu sein, was man - zumindest laut Klappentext - erwarten könnte. In Nils Holgerson war Selma Lagerlöf radikaler, da hat sie Nils klar zur Randfigur werden lassen und beschreibt anhand seiner Reise ihr geliebtes Land mit allen Sagen und Figuren. In Gösta Berling ist sie noch nciht so weit gegangen, der Trend ist aber schon zu erkennen.
Vor Gösta Berling sollte man sich wohl gut überlegen, was für ein buch man lesen möchte. Wenn man bereit ist, sich in eine fast schon phantastische Welt der Sagen und Naturgötter zu begeben, der feurigen Liebe und der tiefen Boshaftigkeit, eine Welt in der die Menschen ganz logisch mit diesen Elementen zusammenleben, dann ist das Buch herrlich. Auch Leser, die sich von Naturbeschreibungen fesslen lassen, kommen auf ihre Kosten. Wer aber die sozial geprägte und reelle Geschichte eines Mannes im Schweden des 19. Jahrhunderts erwartet, dem sei dieses Buch abgeraten.
Interessant ist übrigens, daß Selma Lagerlöf selbst eine sehr nüchterne Frau war und so schafft sie es immer wieder, dem Leser selbst offen zu lassen, was er glaubt und warum sich die Menschen vielleicht gewisse Dinge vorstellen. Der Schlußsatz ihres Buches ist vor diesem Hintergrund wirklich brillant, gibt er dem Leser doch komplett die Verantwortung für das, was er glaubt oder nicht zurück. Aber dieser sei hier nicht verraten.