'Jagd ist die Kunst, Wild zu hegen, bis es alt genug ist, damit es unter hohen Strapazen, hohen Kosten und viel Zeitaufwand wieder aufgespürt und erlegt werden kann', spottete der Schriftsteller Alfred Stampfel. Reichsjägermeister Hermann Göring scheute weder Kosten noch Mühen, um seiner Leidenschaft nachzugehen. Dafür ließ er sich 1936 extra ein eigenes Anwesen in den Rominten, dem ostpreußischen Jagdparadies, erbauen. Schon lange galt das riesige Wald- und Seengebiet als bevorzugtes Rotwildrevier der Hohenzollern. Kaiser Wilhelm II. kaufte Ende des 19. Jahrhunderts sämtliche Ländereien auf und errichtete am Ufer der Rominte ein Jagdhaus im skandivanischen Blockhausstil. Als die Nazis unter Göring das Areal in Beschlag nahmen, weigerte sich der Kaiser partout, dem Reichsmarschall das Jagdschloss zu überlassen. So entstand sechs Kilometer nördlich davon auf einem 15 Meter hohen Steilhang der Reichsjägerhof, dessen Geschichte sich Göring-Experte Volker Knopf und der Geschäftsführer des Berliner Holocaust-Denkmals Uwe Neumärker in ihrem Buch 'Görings Revier: Jagd und Politik in der Rominter Heide' widmen.
Architekt des nicht ganz so mächtigen Gebäudekomplexes wie Carinhall in der Schorfheide war der Regierungsbaurat Friedrich Hetzelt. Während der folgenden Jahre gaben sich hier im gediegenen Ambiente mit Eisenleuchtern, Geweihen und Hirschgemälden Staatsgäste und Spitzen aus Politik, Wehrmacht, Luftwaffe und Industrie die Klinke in die Hand. Göring verband das Nützliche mit dem Angenehmen und verlegte diplomatische Gespräche und Sondierungen in die ungezwungene Atmosphäre während der Pirsch. Er selbst erlegte in der Rominter Heide viele kapitale Hirsche, etwa den 'Raufbold'. Von diesem wurde 1937 eine überlebensgroße Plastik vor dem Haupteingang zur Internationalen Jagdausstellung in den Berliner Messehallen aufgestellt, die seit 1970 an der Freilichtbühne des Berliner Tierparks steht. Im Jahr 1942 schoss Göring sogar den seinerzeit weltstärksten Hirsch, den 'Matador'. Über das Jagdglück seiner hochrangigen Besucher freute sich der Reichsmarschall allerdings weniger. Als Generalfeldmaschall Walther von Brauchitsch im Herbst 1941 den 'Eggenhirsch' zur Strecke brachte, ordnete Göring an, dass solche kapitalen Hirsche zukünftig nur ihm vorbehalten sein sollten.
Vom Jägerhof koordinierte er als Oberbefehlshaber der Luftwaffe den Bombenkrieg gegen England und zog sich während des Russlandfeldzugs ganz auf das Anwesen zurück. Als jedoch Partisanen im Umland gesichtet wurden und sogar ein Fahrzeugkonvoi der Göringschen Hofwache unter Beschuss geriet, schlug der Reichsjägermeister sein Nachtquartier aus Sicherheitsgründen im etwa zehn Kilometer nördlichen geparkten und streng bewachten Sonderzug 'Asien' auf. Nachdem sich Göring aus der Rominter Heide zurückgezogen hatte, steckte die Wehrmacht am 20. Oktober 1944 auf seinen Befehl hin den Reichsjägerhof in Brand, ließ jedoch das Jagdschloss unversehrt. Tags darauf nahm die Rote Armee das Gelände ein. Heute zeugen nur noch einige Reste der Toreinfahrt vom einstigen Prachtsitz.
Der Band enthält viele seltene historische Aufnahmen und recherchiert die bewegte Geschichte der Rominter Heide zwischen Freizeitvergnügen und Schauplatz politischer Ereignisse. Den Autoren gelingt es, einen weiteren Ort der NS-Selbstinszenierung sachlich zu entmythifizieren und einen interessanten Einblick in ein Kapitel ostpreußischer Geschichte zu geben.