Wer Tenzin Gyatso ist, weiß selbst in unseren Breitengraden fast jeder Mensch. Zumindest unter dem Namen, der seine Funktion beschreibt. Denn er ist der 14. Dalai Lama. Fragt man jedoch, was der vom Dalai Lama repräsentierte Vajrayana-Buddhismus mit unserer abendländischen Kultur zu tun hat, erhält man nur selten brauchbare Antworten. Und wer ist Werner Wolf, der 1940 geborene Schneiderssohn aus dem Allgäu? Nein, hinter diesem Namen verbirgt sich kein Kabarettist, kein Fußballer und auch kein Politiker, sondern der oberste Repräsentant der Benediktiner. Nach dem Abitur trat er in Benediktinerkloster Sankt Ottilien ein, wurde Mönch, hieß fortan Notker Wolf und ist sei dem 7. September Abtprimas des Benediktinerordens und damit weltweiter Sprecher von 7'500 Mönchen und mehr als doppelt so vielen Nonnen. Er vertritt also nicht nur über 800 Klöster, sondern auch einen wichtigen Teil unserer abendländischen Kultur.
Wem Notker Wolf kein Unbekannter ist, weiß vielleicht auch, dass er die Musik der Rolling Stones, Led Zeppelin, Deep Purple und Jethro Tull liebt, selber manchmal zur elektrischen Gitarre greift, Rock auch auf der Querflöte spielt, an Managersymposien als Referent auftritt, sich mit dezidierten Meinungen mutig in die Brennnesseln setzt und mit seinen Büchern hohe Auflagen erreicht. Würde ich zu einer Wertung gezwungen, ob ich die Gedanken des Dalai Lama oder die von Notker Wolf wichtiger finde, wäre meine Präferenz klar. Denn die christliche Kultur ist mir näher als die asiatische, auch wenn die großen Weltreligionen trotz all ihrer Unterschiede viele Berührungspunkte und Gemeinsamkeiten haben. Einig sind sich der Dalai Lama und Notker Wolf zum Beispiel darin, dass sich Lebenserfahrungen nicht einfach übertragen lassen. Auch durch Bücher nicht, die so anschaulich und verständlich geschrieben sind wie dieses. "Gönn dir Zeit. Es ist dein Leben" ist denn auch kein Ratgeber der Sorte "In sieben Schritten zum Erfolg", sondern eine Sammlung von Gedanken, Betrachtungen und zum Teil sehr persönlichen Meinungen, die im besten Fall verschüttete Kanäle freilegen können. Was die Persönlichkeit eines Menschen außer den Genen prägt, wird zum größten Teil von den Menschen bestimmt, die uns bis zum Eintritt ins Erwachsenenalter nahe sind, begleiten und als Vorbilder dienen. Das wird dem Leser einmal mehr bewusst, wenn Notker Wolf über seine eigene Einstellung zum Tod und die letzten Tage seines Vaters spricht. Und wenn er von Rom erzählt und sagt, "Die Menschen in unserem Stadtviertel können nicht leben wie wir und wir nicht wie sie", gibt er damit all jenen eine Absage, die Mitmenschen durch Appelle, Rezepte und von Autoritäten oktroyierte Wertvorstellungen verändern wollen.
Auch dieses Buch kann also die Menschen nicht verändern. Aber es kann Anstöße geben und bereits vorhandene Verhaltensmuster verstärken. Denn als soziale Wesen brauchen wir Anerkennung und Beistand. Eine Absage erteilt Notker Wolf auf feine und nie polemische Art all jenen, die nur mit Worten wirken, ihren Mitmenschen das richtige Leben predigen und zu wissen meinen, was Gut und Böse sei. Warum Notker Wolf am 25. September 2008 für weitere vier Jahre in seinem wichtigen Amt bestätigt wurde, erstaunt niemanden, die sich auf seine Gedanken einlässt.
Mein Fazit: Ein außergewöhnliches Buch eines außergewöhnlichen Menschen. Notker Wolf spricht all die Dinge an, die Menschen seit Urzeiten beschäftigen, ohne den Leser mit Appellen und Hinweisen auf die gute alte Zeit zu belästigen oder zu langweilen. Lernen und Lehren durch Nachfolge ist sein Credo. Und damit steht er ganz in der Tradition seines Ordens und der christlichen Kultur. Besser und mit größter Wahrscheinlichkeit wirkungsvoller als jeder Ratgeber auf den Bestsellerlisten.