Im Gegensatz zur irrelevanten ersten Edition sind hier thematisch gewichtige Filme aus den 80er Jahre enthalten, drei davon kann man weit gehend als politisch bezeichnen. Der vierte, "Die Sonne Satans", ist eine theologisch grundiertes Werk, das 1987 sogar die Goldene Palme erringen konnte. Für mich unverständlich. Aber Depardieu, und nicht nur er, halten ihn für ein Meisterwerk. Was allen Filmen gemeinsam ist: Depardieu spielt mit, und er ist jedes Mal sehr präsent, das Bild auch metaphorisch ausfüllend, alles konzentriert sich auf ihn, selbst in "Uranus", wo er nicht unbedingt die Hauptrolle spielt. Hier fügt er sich in ein Ensemble ein und ragt trotzdem weit heraus. Es handelt sich um den schwächsten Film, eine Art Posse über Denunziation und fehlgeleiteten, ideologisch verbauten Kommunismus nach dem Kriegsende. Wer ist der "Vorzeige-Rote"? Wen kann man beseitigen, indem man ihn bezichtigt? Es könnte sich um eine betörende, entlarvende, urkomische Geschichte handeln. Doch Berri verliert die Figuren entweder aus den Augen oder forciert ein ungutes Overacting bei vielen seiner Darsteller - auch Depardieu übertreibt zu seinen Ungunsten. Der Film ist theatralisch, unausgewogen, schiebt immer noch einen Konflikt nach, was man mit der Zeit immer desinteressierter zur Kenntnis nimmt. Eine Komödie oder ein Drama? Depardieus großartig übertriebener Todeskampf im Klassenzimmer bzw. in seiner Bar ist denkwürdig, alles andere erscheint entweder zu überdreht oder bedeutungsschwanger (Noirets Monolog am Fenster), denn es fehlt die Konsistenz - es holpert und stolpert allzu oft.
"Danton" ist Wajdas bekanntester Film außerhalb Polens, und das verdankt er nur Depardieu. Er hat eine Präsenz, die über 100 Minuten tragen kann. Hier ist er eine widersprüchliche Figur, aber weniger ein Zauderer wie in Büchners Stück. Es handelt sich nicht um eine Verfilmung des berühmten Schauspiels, aber die Konstellation ist dieselbe. Auch hier bemerke ich einen merkwürdigen Hang zum Grimassieren - nicht bei Depardieu, aber bei fast allen anderen Darstellern. Mir kommt dieses Paris auch viel zu sauber vor, und eine Komparsin im Gericht (sie verteilt irgendwelche Plaketten) trägt eine Dauerwelle. Solche Kleinigkeiten stören mich. Die große Rede Dantons birgt tatsächlich eine gewisse Kraft, er wird ganz heiser dabei. Aber ich war von Anfang bis Ende distanziert. Der verhärtete Hagestolz Robespierre ist natürlich unsympathisch, aber Danton mit seiner Lebemannsucht und dieser Leckmich-Attitüde kriegt auch nur wenig Bonuspunkte. Erwähnenswert ist noch, dass das einer der sehr wenigen Filme ist, die mit einem radikal-avantgardischtischen Score aufwarten können. Er stört übrigens, beißt und sticht, ohne der Handlung eine Dimension mehr zu geben.
Dann noch Maurice Pialat. Warum "Police", so der Originaltitel, auf Deutsch "Der Bulle von Paris" heißt, ist unklar, denn er spielt in Marseille. Er zeigt Polizeiarbeit, wie sie wahrscheinlich wirklich ist. Völlig unglamourös, ein wenig schmutzig, in der Summe sinnlos und sehr widersprüchlich. Depardieu ist hier ein Mann-Mann, wahrhaftig ein Bulle, der bei Verhören nicht zimperlich ist, aber eher aus niedrigen Beweggründen. Man kann es anfangs kaum glauben, dass er sich im weiteren Verlauf in die Freundin eines Kleingangsters verknallt. Doch Depardieu ist in der Lage, diese Extreme so zusammen zu bringen, dass man ihm das abnimmt. Sandrine Bonnaire ist in einer ihrer ersten Rollen zu sehen, als Prostituierte. Und der Schluss ist recht originell, weil unspektakulär und vermutlich näher dran an der "Realität" als so manche Krimigeschichte, die uns Hollywood und auch Frankreich oft genug andreht. Die letzten Bilder zu Gorecki zeigen einfach nur Depardieu in seiner Wohnung. Ich weiß nicht, was das bedeuten soll und ob das überhaupt die richtige Frage ist. Ich weiß nur: Dieser Blick hat mich unglaublich berührt. Depardieu kann so etwas. Einfach nur gucken, irgendwie traurig, irgendwie nachdenklich, und entscheidend ist hier das "irgendwie". Dann noch "Die Sonne Satans". Von diesem Film habe ich am meistern erwartet und wurde sehr enttäuscht. Depardieu ist hier ein Priester, der sich ungewollt in Satans Nähe begibt und von dieser Bürde erschüttert wird. Pialat selbst verkörpert seinen Mentor, der diesen inneren Konflikt erkennt und ihm - so gut es geht - beisteht. Eine Parallel-Handlung zeigt eine junge Frau (Sandrine Bonnaire), die zwischen mehreren Männern steht, fatale Entscheidungen trifft und wie aus Versehen einen Mord begeht. Spätestens als diese beiden Figuren nahezu willkürlich aufeinander treffen, habe ich mich innerlich zurück gezogen. Das ist alles dermaßen weit hergeholt, dass ich mich nur wundern kann. Dabei gibt der Stoff viel her und Depardieu ist phänomenal. Am Ende übergibt er sich dem Teufel, holt aber ein Kind aus dem Reich der Toten zurück. Der Film ist, das muss man ihm zugute halten, in einem sehr nüchternen Stil inszeniert, es gibt keine überhöht inszenierten Wunder, keinen sakralen Chorgesang.