'Die Gärten der Gertrude Jekyll'' Der Titel des Buches zog mein Interesse sofort an: das war doch die charismatische in England hoch verehrte Lady, der wir die Gestaltungsprinzipien verdanken, wie wir prächtige Staudenrabatten in unseren Gärten gestalten können? Was würde das Buch wohl alles über diese englische Gartenkünstlerin verraten, die sich selbst bescheiden nur 'Gärtnerin' nannte? Würde ich wohl, wie der Titel vermuten ließ, etwas über ihre Gärten erfahren? Oder doch noch etwas darüber hinaus? Gespannt vertiefte ich mich in das 187 Seiten umfassende Buch.
Feststellen konnte ich: Das Buch bot mehr. Der Autor Richard Bisgrove schaffte es, ein umfassendes Bild über das Leben und das Schaffenswerk dieser bemerkenswerten Dame zu zeichnen ' und damit über die Grundlagen der englischen Gartengestaltung.
Der Lesende erfährt neben Informationen zu Gertrude Jekylls Lebensweg, etwas über die Entstehung der Gartenkunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die von der sogenannten Arts-and-Crafts-Bewegung beflügelt wurde. Vor allem aber erfährt der Lesende etwas über Gertrude Jekylls besonderen Umgang mit der Aufgabe einen Garten zu planen. Anhand von detaillierten Beschreibungen von 45 repräsentativen Entwurfsplänen aus dem Schaffenswerk Jekylls, die bereichert werden um die Abbildung von sehr schönen Fotografien der beschriebenen Pflanzenkombinationen, wird dem Lesenden Schritt für Schritt ein Verständnis von der Auffassung Jekylls gegenüber dem Garten, ihren Gestaltungsprinzipien und den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und Kombinierbarkeiten von Stauden und Gehölzen ermöglicht. Es gelang dem Autor ein umfassendes Verständnis für Jekylls Umgang mit und ihre Sichtweise der Pflanzen zu wecken. Deutlich werden in seinen Ausführungen die Prinzipien zum Einsatz von Stauden ihrem Charakter entsprechend und nach dem Prinzip der am Ort orientierten Gestaltung von Gartenräumen und Staudenrabatten. Seine Erklärungen vermitteln ein tieferes Verständnis für die Materie des Gartens. Ausführungen über die raumgliedernde und raumschaffende Gestaltung mit Gehölzen, der malerischen Bepflanzung von Mauern und Treppen und den Möglichkeiten des Spiels mit Sonne und Schatten im Garten, erweitern das Verständnis gegenüber der Aufgabe der Gestaltung und der richtigen Bepflanzung der unterschiedlichen Gartentypen wie sie Jekyll sah - formale Gärten, Rosengärten oder naturhafte Gärten.
In den einzelnen, das Buch gliedernden, Kapiteln steht jeweils ein Thema im Vordergrund, wie beispielsweise die Grundlagen der 'Farbkomposition' mit Pflanzen nach der Jekyllschen Anschauung oder der 'Raumkomposition und 'gliederung' durch den Einsatz von Sträuchern und Bäumen. Diesen Themen nähert sich Bisgrove mit Hilfe der Beschreibung spezifischer von Jekyll gestalteter Gärten ' d.h. typischer Gestaltungen der entsprechenden Situationen. Er webt mit seinen detaillierten Beschreibungen ein von Kapitel zu Kapitel dichter werdendes Bild der Ideen, bevorzugten Pflanzenkombinationen und Beweggründe Jekylls, sodass der Leser ein sich stetig vergrößerndes Verständnis des jeweiligen Kapitelthemas und damit indirekt des 'Geheimnisses' der (englischen) Gartengestaltung im Allgemeinen erwirbt. Schritt für Schritt, bzw. Plan für Plan, zeichnet Bisgrove ein Bild von Gertrude Jekylls Umgang mit der Aufgabe der Gestaltung von natürlich anmutenden Gärten, stimmungsvollen Gartenräumen, von prächtigen Staudenrabatten und formalen Gärten. Auffällig ist dabei, dass sich Bisgrove aufmerksam jeder einzelnen Staude widmet und gezielt die beabsichtigte Wirkung bzw. den Grund ihrer Verwendung benennt. Abgerundet wird das von Bisgrove zusammengestellte Buch durch eine Beschreibung der von Jekyll bevorzugten Pflanzen. Gerade dieser letzte Teil macht das Buch für jeden Gartenplanenden auch praktisch nützlich, denn hier findet er neben Einzelporträts und Einsatzvorschlägen der Pflanzen, Vorschläge zur Kombinationen mit anderen Pflanzen in diversen Gartensituationen. Dem Lesenden wird somit eine Inspirationsquelle für Gestaltung im 'Englischen Gartenstil' an die Hand gegeben, als dessen Schöpferin Frau Jekyll allgemein anerkannt ist.
Mit seinen detaillierten Beschreibungen ermöglicht Richard Bisgrove dem Lesenden das 'Eintauchen' in die vorgestellten Pflanzplanungen. Wer sich die Pflanzen während des Lesens vorzustellen vermag, dem ermöglichen die Schilderungen das imaginäre Wandern auf den Pfaden der Entwurfszeichnungen zwischen farbenprächtigen Stauden und den von ihnen erzeugten Farbbildern, Stimmungen und Raumcharaktären. An dieser Stelle liegt jedoch auch die einzige 'Schwachstelle' des Buches. Der Lesende sollte ein Vorstellungsvermögen für die beschriebenen Pflanzen und Pflanzenkombinationen mitbringen, d.h. zumindest die wichtigsten Pflanzenarten ihrem Aussehen nach kennen. Für den auf diesem Gebiet noch unkundigen Lesenden können die Beschreibungen ansonsten langweilig und langatmig erscheinen.
Die Gestaltung des Buches ist ansprechend und überzeugend. Zahlreiche Farbfotografien unterstützen die Texte. Die Wiedergabe der Entwurfspläne Jekylls zu den betreffenden Texten lässt die Erläuterungen leicht nachvollziehen. Schade ist allerdings der Verzicht auf die Abbildung zumindest einiger Originalpläne. Dies nimmt dem gartenhistorisch Interessierten die Möglichkeit eine Vorstellung über die originalen Dokumente zu entwickeln.
Das Buch ist Alles in Allem als Lehrbuch und auch als Nachschlagewerk für die Personen zu empfehlen, die ein tieferes Verständnis über die Prinzipien der klassischen Englischen Gartengestaltung erwerben möchten. Nicht geeignet ist es hingegen für Personen, die eine Art Reiseführer für eine Gartenreise zu den Gärten der Gertrude Jekyll suchen, denn das Buch ist nicht als Reiseführer konzipiert.